Dieser Bereich beschäftigt sich mit Themen wie dem Sprechen/Schweigen der Frau in einer patriarchalisch strukturierten Welt, dem Zusammenhang von Sprechen, Macht und Gewalt sowie dem Stellenwert des künstlerischen Werks von Frauen in der Gesellschaft. Bis Ende März werden hier Ausschnitte aus Videos, neue Beiträge und Videostatements sowie Videos von Vorträgen, die im Rahmen des Symposiums des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums gehalten werden, veröffentlicht.

VALIE EXPORT: Die Macht der Sprache

VALIE EXPORT beteiligte sich im Herbst 2007 an dem internationalen interuniversitären Seminarprojekt mit dem Titel In the Present Tense: Language, Power and the Body in Contemporary Germany and Austria, das von Margarete Lamb-Faffelberger (Lafayette College) initiiert und vom Elfriede Jelinek-Forschungszentrum unterstützt wurde. Im Rahmen der Videokonferenz ging sie auch auf das Verhältnis von Sprache und männlicher Macht ein.

Gerhard Scheit: Wer lacht? Inversionen der Komik und die Wiederkehr der verdrängten Gewalt bei EXPORT, Jelinek, Neuwirth

Gerhard Scheit, freier Autor und Publizist, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik, Philosophie und Musik in Wien und Berlin. In seinem Vortrag Wer lacht? Inversionen der Komik und die Wiederkehr der verdrängten Gewalt bei EXPORT, Jelinek, Neuwirth, der im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!). VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH, der am 22.3.2012 gehalten wurde, beschäftigt er sich mit dem Lachen als subversive Strategie am Beispiel von Elfriede Jelineks Theatertext Raststätte oder Sie machens alle. Er bezieht sich dabei v.a. auf Theorien von Adorno, Bergson und Bachtin.

Helga Utz: Für alle Ewigkeiten Küssenmüssen

Die Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin Helga Utz beschäftigt sich in ihrem Aufsatz Für alle Ewigkeiten Küssenmüssen mit Olga Neuwirths Komposition Der Tod und das Mädchen II, die auf der Grundlage von Elfriede Jelineks gleichnamigem Theatertext, dem zweiten Teil der “Prinzessinnendramen”, entstanden ist.

Die Komponistin und die Schriftstellerin verbindet seit 1990 eine intensive und fruchtbare Zusammenarbeit, in der sie sich ideal ergänzen: „Über die Wörter hinaus sagt die Musik vielleicht das Unsagbare, die fließende Verzauberung, die Klischee und Ironisierung nicht ausspart, sie kehrt zurück wie die Erinnerung, sie verlässt uns nicht. Sie fügt sich in die Sprache ein, und man spürt ihre ständige Anwesenheit von der Distanz zur Stimme bis zur Übermalung der Stimme, wobei ich auf trashige Science-Fiction-Klänge nicht verzichten wollte, da für mich das ‚Märchen‘ an einem Unort stattfindet.“ (Olga Neuwirth)
In Der Tod und das Mädchen II verschlingen sich Sprache und Musik zu widerständigen akustischen Räumen, in denen keine Position festgelegt wirkt. Computerklänge und gespenstische geräuschhafte Abläufe herrschen vor und lassen die Welt als Artefakt erscheinen. Auch die Stimmen – es sprechen Anne Bennent und Hanna Schygulla, dazu kommt eine von Gottfried von Hüngsberg generierte Computerstimme – wirken distanziert. Die Sprache liegt wie in einem klanglichen Glassarg, umgeben von Künstlichkeit und Kälte. Doch unvermittelt blitzen vertraute Signale auf, verzerrte Reminiszenzen eines Streichquartetts oder einer Flöte, unvermutet wirkt eine sprachliche Wendung persönlich, und im Hörer steigen mit Macht Assoziationen auf, so wie ein Duft Erinnerungen beschwört, denen wir nicht ausweichen können. Es entsteht ein Sog, der uns in die Geschichte zieht, der Herz und Hirn in Bewegung setzt.
Neuwirth nähert sich der Sprache wie ein Maler der Farbe: Zu Zeiten wird sie unvermischt und klar aufgetragen, dann wieder in den Hintergrund gedrängt, als Aquarell verschwimmend. Nicht immer ist der Text klar verständlich; er erscheint auf verschiedenen Ebenen, als Transportmittel für das Gesagtwerdenwollende, als akustisches Material, als Emotionsvehikel, als Meißel für die dramatische Zuspitzung. Die Figuren sind zugleich real, irreal und surreal.
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Sigrid Schmid-Bortenschlager: Stimm-mächtig. Kunst von Frauen – noch immer eine Provokation?

In ihrem Vortrag Stimm-mächtig. Kunst von Frauen – noch immer eine Provokation?, der im Rahmen des Symposiums “(ach, Stimme!)” am 13.3.2012 gehalten wurde, beschäftigt sich die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Schmid-Bortenschlager mit der gesellschaftlichen Anerkennung der drei avantgardistischen Künstlerinnen.

Gespräch: Sprechen – Macht – Gewalt

Das Gespräch Sprechen – Macht – Gewalt, das im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!). VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 22.3.2012 geführt wurde und das den Abschluss des Symposiums bildete, beschäftigt sich nochmals mit zentralen  Fragestellungen des Symposiums, die in den Vorträgen und Gesprächen thematisiert wurden, und mit den Fragen, wie VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth die Aspekte Sprechen, Macht, Gewalt in ihren Werken aufgreifen, wie diese Aspekte miteinander verbunden sind, sowie welche Funktion das Sprechen der Frau/der Künstlerin für die 3 Künstlerinnen hat. Ist es eine Form der Selbstermächtigung? Ist es ein Mittel, um männlich geprägte Normen zu unterlaufen?
Am Gespräch nahmen Sabeth Buchmann (Kunsthistorikerin und -kritikerin, Professorin für Kunstgeschichte der Moderne und Nachmoderne an der Akademie der Bildenden Künste in Wien), Stefan Drees (Musikwissenschaftler, freier Dozent und Autor) und Gerhard Scheit (freier Autor und Publizist) teil. Moderiert wurde das Gespräch von Teresa Kovacs.

Maria-Regina Kecht: Das Nicht-Sprechen/Schweigen der Frau bei Elfriede Jelinek

Maria-Regina Kecht, Academic Director der Webster University in Wien, spricht in ihrem Videostatement über das Nicht-Sprechen/Schweigen der Frau bei Elfriede Jelinek. Sie geht darauf ein, dass Jelinek in ihrem Schreiben männliches Sprechen subversiv unterläuft, indem sie sich männliche Sprechweisen aneignet und in ihren Texten ausstellt. Die Frauen sind das Verdrängte, das immer wieder zum Vorschein kommt, als wiederkehrende Untote können sie ihre Stimme erheben und Subjektstatus erreichen. Maria-Regina Kecht betont, dass Schweigen bei Jelinek auch als Akt der Souverenität verstanden werden kann:

Margarete Lamb-Faffelberger: Das Dilemma der Avantgarde

Margarete Lamb-Faffelberger, Professorin am Lafayette College (USA), beschäftigt sich in ihrer Publikation Valie Export und Elfriede Jelinek im Spiegel der Presse. Zur Rezeption der feministischen Avantgarde Österreichs (1992) mit der österreichischen Rezeption von VALIE EXPORTs und Elfriede Jelineks Werken:

Die feministisch-politische Gesellschaftskritik, die in Valie Exports Körper-Bildern ihren Ausdruck findet, werden durch die Sprach-Bilder der Schriftstellerin Elfriede Jelinek komplementiert. In Romanen, Theaterstücken und Hörspielen beschäftigt sie sich gleichfalls mit der Situation der Frau im heutigen Österreich. Für Elfriede Jelinek bedeutet die engagierte Auseinandersetzung mit den feministischen Anliegen jedoch dann eine gefährliche Verkürzung der Wahrnehmungsfähigkeit, wenn die ökonomischen Zusammenhänge in den gegenwärtigen Herrschaftsverhältnissen und -strukturen unberücksichtigt bleiben, wobei es ihr in ihrem schriftstellerischen Auftrag „immer noch (um) die Differenz zwischen Bewußtsein als Theorie und konkreter Aktion der Veränderung“ zu gehen scheint.1) Für ihren engagierten Feminismus wird die Umgangssprache der Massen zum Material: die Sprache wird in ihre Teilelemente zerlegt, um ihre tiefenstrukturelle Bedeutung zu entblößen. Durch ihren ästhetischen Stil der Montage bzw. Sprach-Collage kreiert Elfriede Jelinek einen neuen Sinnzusammenhang. Sie sucht „den Gegenstand in seiner Sprache auf und vertraut sich … dieser Sprache und ihren Automatismen an, bis sie heraus- und in eine andere Sprache hineintritt.“ Es gelingt ihr dadurch, eine scharfe Gesellschaftskritik als „brillante(n) Medien- und Sprachkritik“ zu formulieren.2) Elfriede Jelinek und Valie Export bedienen sich einer individuell geprägten anagrammatischen Ästhetik3) von hoher Qualität, deren dekonstruktive Elemente der Kunst-Kritik immer wieder größte Schwierigkeiten bereiteten. Ihr politisches Engagement und ihre ästhetischen Innovationen stießen zumeist in Österreich auf Intoleranz. Bei Jaqueline Vansant heißt es dazu: „Women’s concerns may not necessarily get bad press, but feminists, ‚libbers‘ (Emanzen) as they are called by the press, are constantly being dismissed as witches and manhaters“ (Vansant 35). Für die Presse gewannen beide Künstlerinnen durch den Ruf der skandalösen Kontroversen um ihre Arbeiten ursprünglich an Bedeutung. Dadurch erhielten sie an publizistischem Wert, weil das Interesse des Publikums gesichert war. Kunstkritische Rezensionsbeiträge wurden jedoch häufig von einem sensationslüsternen Zeitungsjournalismus verdrängt, der nur zu oft von einer subjektiven, emotionsgeladenen und von extremer Negativität getragenen Urteilssprechung bestimmt war. Die Rhetorik der journalistischen Äußerungen spottete mitunter jeder Kritik.4) Der teilweise sehr aggressive, bösartige Tonfall schürte das Feuer der öffentlichen Hetze gegen die beiden Künstlerinnen. Auf die Wahrung der Distanz zwischen Werk und Künstlerin wurde dabei wenig geachtet. Doch auch eine negative Medienpräsenz hebt den Bekanntheitsgrad.

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Gespräch „Die Frau hat keinen Ort“. Künstlerinnen in Österreich

Das Gespräch „Die Frau hat keinen Ort“. Künstlerinnen in Österreich, das im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!) VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 13.3.2012 stattfand, beschäftigt sich mit der Sichtbarkeit und Hörbarkeit von Künstlerinnen in Österreich. Es wurde besprochen, welchen Stellenwert das künstlerische Werk von Frauen in unserer Gesellschaft hat, inwieweit sich die Situation von Künstlerinnen in Österreich in den letzten Jahrzehnten verändert hat und welche Möglichkeiten die Politik heute hat, um Frauen, die in Kunst und (Kunst)Wissenschaft tätig sind, zu fördern. Und es wurde diskutiert, worin die Provokation im künstlerischen Schaffen von EXPORT, Jelinek und Neuwirth besteht.
An dem von Pia Janke moderierten Gespräch nahmen Andrea B. Braidt, Vizerektorin für Kunst und Forschung an der Akademie der bildenden Künste, die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Schmid-Bortenschlager und Ines Stilling, Leiterin der  Sektion II – Frauenangelegenheiten und Gleichstellung des Bundeskanzleramtes Österreich teil.

Susanne Hochreiter: “Provokationen”

Susanne Hochreiter ist Universitätsassistentin am Institut für Germanistik der Universität Wien im Arbeitsbereich Neuere deutsche Literatur. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Literatur von Frauen, feministische Theorie, Gender Studies und Queer Studies. In ihrem Statement geht sie auf den Begriff der “Provokation” ein, der immer auch ein Werturteil ist:

Was an der Arbeit von VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek oder Olga Neuwirth  provoziert?
Jene, die sich provoziert fühlen, haben eine Vielzahl an Erwartungen und Vorannahmen bezüglich der Welt und der Kunst: Sie gehen davon aus, dass Kunst und Literatur das ist, was ihnen gefällt. Sie gehen davon aus, dass Künste generell „schön“ sind. Und zudem nichts mit Macht, Hierarchien, Unterdrückung und Ökonomie zu tun haben. Sie nehmen an, dass nur der Mann schöpferisch und kreativ ist und etwas überhaupt und etwas Wichtiges im Besonderen zu sagen hat. Wenn Frauen etwas sagen oder machen, dann ist das stets zweifelhaft und fragwürdig. Das denken auch Frauen, die dann ihrem Urteil durchaus trauen. Und so lesen wir in Rezensionen und Kritiken unausgesetzt von zweifelhaften Künstlerinnen und ihren fragwürdigen Werken. Elfriede Jelinek heißt dann in der chauvinistischen Anmaßung des Welturteils „unsere Radikalfeministin“ oder „Biederfrau der österreichischen Literatur“. Wenn’s gut geht, ist eine Musikerin wie Olga Neuwirth „talentiert“ oder „begabt“. Meist ist die internationale Anerkennung daran „schuld“, dass die vielfältig diffamierten feministischen Künstlerinnen überhaupt zur Kenntnis genommen werden – VALIE EXPORT hat dies ebenso erfahren.
„Provokation“ bedeutet: Herausforderung und Infragestellung von (sozialen) Normen und ist in den meisten Fällen keine ästhetische, sondern eine moralische Kategorie. „Provokation“ ist ein Werturteil jener, die sich provoziert fühlen und fast immer abwertend gebraucht.
Die Provokation liegt kaum im Werk selbst, sondern für jene, die sich provoziert fühlen, im Umstand begründet, dass eine Frau vernehmlich linke, feministische, emanzipatorische Kritik übt: In Österreich eine „Provokation“ per se. Und erst recht, wenn „sie“ sich nicht entschuldigt, nicht klein macht, nicht leise spricht, sondern eine Stimme von Gewicht hat.

EXPORT, Jelinek, Neuwirth: Die Künstlerin in der Gesellschaft

In ihrer Rede zur Eröffnung des Steirischen Herbst 2003 Alles ist möglich und tout est mort geht Neuwirth auf die Situation von Frauen und Künstlerinnen in Österreich ein:
Als Künstlerin und speziell als Vertreterin einer Kunstsparte, in der man von Anderen, von Ausführenden abhängig ist, kenne ich eine weitere Randsituation. Ich weiß, Sie denken nun, das ist ein Klischee. Meiner Meinung nach aber, hat sich im Verhalten Künstlerinnen gegenüber noch nicht viel geändert, speziell in Österreich. Abgesehen davon, daß man nach neuesten Studien weiß, daß Frauen schamloserweise immer noch um 40% weniger Bruttoeinkommen beziehen als Männer, herrscht in unserem Bereich weiterhin der unausrottbare Glaube, Genie sei männlich. Hinter unserem weiblichen Rücken wird daran festgehalten, daß Komponieren für Frauen eher ein unvorhergesehener geistiger Unfall sei, und daraus folgt, daß weibliche schöpferische Arbeit in der Musikwelt weiterhin nicht wirklich ernst genommen und die Frau im allgemeinen zu grossen [sic] Kunstschöpfungen nicht für fähig gehalten wird. Zitat eines mächtigen Musikveranstalters: „Wenn aus Ihnen nichts wird, können Sie noch immer heiraten und Kinder kriegen.“
aus: Olga Neuwirth: Alles ist möglich und tout est mort. http://www.olganeuwirth.com/fset1.html (13.3.2012) (=Olga Neuwirths Homepage)

Jelinek beteiligt sich mit ihrem Essay Rund, handlich, einfach zum Reinbeißen – so will man hierzulande Mozart an der kulturpolitischen Diskussion über die Situation von KünstlerInnen in Österreich. Sie geht dabei vor allem auf die prekäre finanzielle Lage von KünstlerInnen am Beispiel von Olga Neuwirth ein:
Die Komponistin kann nicht Opern zu schreiben beginnen, bevor sie eine feste Zusage (und natürlich einen Vorschuß) für ihre Arbeit hat. Wir sind hier nämlich nicht in La Bohème, in die die Opernbesucher strömen, vor allem, wenn ihre Lieblingsstars singen, wir sind hier leider im richtigen Leben, in dem sich Frauen große Werke am besten verkneifen (abschminken ist wahrscheinlich das passendere Wort) sollten.
aus: Elfriede Jelinek: Rund, handlich, einfach zum Reinbeißen – so will man hierzulande Mozart. In: Die Presse, 1.12.1995.

In einem Interview mit Felicitas Herrschaft, das 2012 im Internet veröffentlicht wurde, spricht VALIE EXPORT unter anderem über ihre Rezeption als Medienkünstlerin in Österreich:
VALIE EXPORT: Man muss schon sagen von Österreich weg aus dem österreichischen Kunstkontext heraus, international zu agieren, das braucht eine wahnsinnig große Anstrengungen [sic], weil einerseits in der damaligen Zeit die österreichische Kultur sich ja sowieso nicht um diese Arbeiten gekümmert hat, wenn man nur an die Siebziger Jahre denkt, wenn man das gesagt hat, ich bin Medienkünstlerin, dann hat jeder durchschnittliche Kulturmensch nur gelacht, weil er gar nicht wusste, was das überhaupt sein kann oder ist, weil man nur die traditionellen Kunstformen beachtet hat. Das war schon in Österreich bitter, weil die Arbeiten halt einfach negiert wurden. […] Also man konnte sich ja kaum Diskussionen stellen, weil die Arbeiten einfach negiert wurden. Ich bin dann aber schon sehr früh ins Ausland gegangen und hab dann natürlich meine Kontakte gehabt und meine Auseinandersetzungen, meine Filmvorführungen, meine Auftritte in den Siebziger Jahren. Ich war in London, in Amsterdam und in Brüssel, aber in Österreich war das eben ganz schwierig. Also es war schon in Österreich sehr schwer in dieser Zeit und dann noch von anderen Kuratoren außerhalb Österreichs, da wurde sich ja nicht viel damit beschäftigt. Man hätte eine unheimliche Aufbauarbeit leisten müssen und es hat ja viel weniger Galerien gegeben und die Museen haben trotzdem auch nur ihre traditionellen Ausstellungen gemacht, also es war ein schweres Brot.
aus: VALIE EXPORT / Felicitas Herrschaft: Gespräch mit Valie Export, April 2004. http://www.fehe.org/index.php?id=572 (13.3.2012)

Der Artikel Leben als Alien, der 2002 in der Zeitschrift EMMA erschienen ist, widmet sich Olga Neuwirths Werk und ihrem politischen Engagement. In Bezug auf ihre Situation als Komponistin im männlich dominierten Musikbetrieb wird Neuwirth zitiert:
Bei jedem neuen Auftrag wird mir wieder dieses Misstrauen und diese Angst entgegengebracht, dass ein neues Stück vielleicht peinlich wird oder ein Skandal – und das ist auf Dauer ein bisschen anstrengend und zermürbend. […] Jeder Komponist erlebt Höhen und Tiefen. Aber ich glaube, ich als Frau kann mir keinen Ausrutscher leisten. Dann wär’s aus.
aus: Olga Neuwirth / Wibke Bantelmann: Leben als Alien. http://www.emma.de/hefte/ausgaben-2002/septemberoktober-2002/olga-neuwirth/ (13.3.2012)

In einem Interview mit Andrea Schurian, das 2010 aus Anlass von EXPORTs 70. Geburtstag in der Tageszeitung Der Standard erschienen ist, spricht VALIE EXPORT unter anderem über ihre frühen Arbeiten, Kunst von Frauen und ihren Künstlernamen sowie über die Unterschiede in der Wahrnehmung ihrer Werke in Österreich und im Ausland.
VALIE EXPORT: Land-Art, Performances, Installationen, Expanded Cinema: Das waren damals völlig unbekannte Begriffe hierzulande. International gab es das natürlich bereits alles. Aber in Österreich gab es darüber null Reflexion. Außerdem habe ich mit Medien gearbeitet, die damals als nichtkünstlerisch gegolten und eine neue, eine performative Ästhetik erzeugt haben. Das konnte hier niemand einordnen. Und drittens war ich eine Frau mit einem dezidiert feministischen Standpunkt. Das hat die Rezeption in Österreich mehr oder minder unmöglich gemacht. Ich konnte meine Arbeiten zwar ziemlich schnell im Ausland zeigen. Aber der Satz, man müsse sich zuerst im Ausland bewähren, um in der Heimat anerkannt zu werden: den finde ich eine ziemliche Zumutung.
aus: VALIE EXPORT / Andrea Schurian: „Hinausgehen aus dem sicheren Hafen“. In: Der Standard, 15./16.05.2010.

In dem Interview Ernste Musik und Ende mit Reinhold Schulz 2001 spricht Olga Neuwirth über das Misstrauen, das ihr als Frau im Musikbetrieb entgegengebracht wird:
Olga Neuwirth: Aber lange Zeit war ich einfach der Kasperl in der „Szene“. Man glaubte nicht, dass ich das so wollte. Auch, dass man das einer Frau nicht zutraut. Immer sucht man nach neuen Genies – und dies bezieht sich immer auf männliche. Der Musikbetrieb ist einer der letzten, der absolut männlich bestimmt ist. Als Frau muss ich immer wieder aufs Neue beweisen, dass ich etwas kann.
aus: Olga Neuwirth / Reinhold Schulz: Ernste Musik und Ende [2001]. In: Drees, Stefan (Hg.): Olga Neuwirth zwischen den Stuehlen. Salzburg: Verlag Anton Pustet 2008, S. 148-153, S. 152.

In dem Interview Wir sind beide Vampire, das Jelinek und Neuwirth aus Anlass des Schwerpunkts Dichterin zu Gast ’98. Elfriede Jelinek bei den Salzburger Festspielen 1998 der Zeitschrift profil gaben, sprechen die beiden Künstlerinnen über den Stellenwert von zeitgenössischer Literatur und Musik bei den Salzburger Festspielen, ihre erste Begegnung beim 2. Jugendmusikfest Deutschlandsberg und über künstlerisch tätige Frauen in männlich dominierten Kunstbereichen ein:
Jelinek: Ja, wir sind beide Vampire. Vielleicht ist das Vampirische, das Aussaugen, die Methode, sich von überall das zu holen, was man brauchen kann, charakteristisch für weibliche Kunst.
Neuwirth: Transylvanien ist für mich auch ein Symbol für einen Ort, an dem man nicht so angreifbar ist, wo man nicht sofort in eine Schublade gesteckt werden kann.
Jelinek: Das ist für die weibliche Künstlerexistenz überhaupt paradigmatisch. Künsterlinnen sind nie ganz da und nie ganz weg, sie tauchen immer wieder auf. Vielleicht ist die Kunst von Frauen deshalb auch subversiver als die Kunst von Männern. Der Bereich der Frauen ist das Unterlaufen von Normen. Das liegt auch am Freiraum, den uns Männer unbewußt einräumen. Wenn einem nichts zugetraut wird, kann man auch alles machen.
aus: Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth im Gespräch mit der Zeitschrift profil : Wir sind beide Vampire. In: profil, 3.8.1998.

In dem Essay Weiberleiber, der 1988 in der Zeitschrift Neues Forum erschienen ist und ursprünglich den Titel Die Frau und das Reale: Das verdrängte Soziale trug, beschäftigt sich EXPORT mit der Kunst als einem männlich geprägten Bereich, den sich Frauen subversiv aneignen müssen, um sich selbst repräsentieren zu können:
Die Frau muß also die Kultur transformieren, wenn nicht sogar transgredieren, weil sie in der real existierenden, von Männern konstruierten Kultur in der Tat keinen Ort hat. Nur in der Kultur-Überschreitung, in der Kultur-Transgression kann die Frau zu sich kommen und Kunst bzw. ihr eigenes Bild produzieren.
aus: VALIE EXPORT: Weiberleiber. Zit. n.: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hg.): VALIE EXPORT. Mediale Anagramme. Berlin: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst 2003, S. 202-205, S. 205.

In ihrer Rede Sich vom Raum eine Spalte abschneiden zur Eröffnung der Retrospektive VALIE EXPORT Split:Reality im Museum Moderner Kunst (20er Haus) in Wien am 24. April 1997 geht Jelinek nicht nur auf VALIE EXPORTs Arbeiten, sondern auch auf die Kunst von Frauen im Allgemeinen ein:
Aber eigentlich gehörte dieses Werk, wie überhaupt die Werke von Frauen [...] in eine Art Untergrund, eben diesen klandestinen Strom, der sich träge meist, unter der herkömmlichen Geschichtsschreibung dahin wälzt. […] Diesem Halbdunkel, in dem sich das Werk von Frauen auf der Ebene des Symbolischen aufhält, bis es, selten, für eine kurze Zeit an die Oberfläche treten darf, bevor es wieder zu verschwinden hat, werden wir dennoch immer mehr Raum widmen müssen.
aus: Elfriede Jelinek: Sich vom Raum eine Spalte abschneiden. Zu den Video-Installationen VALIE EXPORTS. http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvalie-1.htm (1.3.2012) (= Elfriede Jelineks Homepage)

In dem Essay Das Maßnehmen und die Maßnahmen, den Jelinek für die von Margarete Lamb-Faffelberger herausgegebene Festschrift zu VALIE EXPORTs 70. Geburtstag verfasste, geht Jelinek auf VALIE EXPORTs Arbeit als Werk einer Frau, die sich männlich besetztes Territorium aneignet, ein.
Die Wirklichkeit ist anders, als Sie gedacht hätten, das sagt die Künstlerin, und sie sagt es denen, die das ohnehin gewußt hätten wie denen, die davon keine Ahnung hatten, aber sie sagt es mit sich selbst, die eben sich als diese Wirklichkeit schafft, damit es keine andere mehr außerhalb geben kann. Die falsche Wirklichkeit, in der Frauen schaffen können, und zwar etwas anderes als ein Kind, die Wirklichkeit, die es nicht gibt, die entsteht da plötzlich durch die Kunst einer Frau.
aus: Elfriede Jelinek: Das Maßnehmen und die Maßnahmen. In: Lamb-Faffelberger,

Margarete (Hg.): Staging EXPORT: VALIE zu Ehren. New York: Peter Lang 2010, S. 7-16, S. 13-14.