Dieser Bereich widmet sich theoretische Aspekten und gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand. In Form von Literaturangaben, wissenschaftlichen Aufsätzen sowie neuen Beiträgen und Videos von Vorträgen, die im Rahmen des Symposiums des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums gehalten werden, werden hier bis Ende März Informationen zum Phänomen Stimme, zum Thema Stimme und Gender sowie zur Bedeutung und Darstellung von Stimme und Geschlecht in den verschiedenen Kunstformen gegeben.

STIMME

Dieser Bereich beinhaltet allgemeine Informationen zum Thema Stimme.

Doris Kolesch und Sybille Krämer: Stimmen im Konzert der Disziplinen

Doris Kolesch, Professorin für Theaterwissenschaft an der FU Berlin, und Sybille Krämer, Professorin am Institut für Philosophie der FU Berlin, beschäftigen sich in der Einleitung Stimmen im Konzert der Disziplinen zu dem von ihnen herausgebeben Band Stimme. Annäherung an ein Phänomen mit der Stimme in einer performativen Perspektive.

aus: Doris Kolesch und Sybille Krämer: Stimmen im Konzert der Disziplinen

Weiterführende Literatur (in Auswahl)

Dolar, Mladen: His Master’s Voice : eine Theorie der Stimme. Übers. v. Michael Adrian, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007.

Epping-Jäger, Cornelia / Linz, Erika (Hg.): Medien/Stimmen. Köln: DuMont 2003.

Felderer, Brigitte (Hg.): Phonorama. Eine Kulturgeschichte der Stimme als Medium. Berlin: Matthes & Seitz 2004.

Göttert, Karl-Heinz: Geschichte der Stimme. München: Fink 1998.

Kittler, Friedrich / Macho, Thomas / Weigl, Sigrid (Hg.): Zwischen Rauschen und Offenbarung. Zur Medien- und Kulturgeschichte der Stimme. Berlin: Akademie Verlag 2002.

Kolesch, Doris / Krämer, Sybille (Hg.): Stimme. Annäherung an ein Phänomen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006.

Kolesch, Doris / Pinto, Vito / Schrödl, Jenny (Hg.): Stimm-Welten. Philosophische, medientheoretische und ästhetische Perspektiven. Bielefeld: transcript Verlag 2009.

Meyer-Kalkus, Reinhardt: Stimme und Sprechkünste im 20. Jahrhundert. Berlin: Akademie Verlag 2001.

Projekte, Ausstellungen und Veranstaltungen zum Thema Stimme

http://www.sfb-performativ.de/seiten/b10.html
Das Projekt Stimmen als Paradigmen des Performativen ist ein Teilprojekt des Sonderforschungsbereichs Kulturen des Performativen des Instituts für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin. Ziel des Projektes ist es, eine performative Ästhetik der Stimme zu entwickeln.

http://ipf.zhdk.ch/deutsch/forschung/laufende-forschungsprojekte/disembodied-voice
Das Institute for the Performing Arts and Film der Zürcher Hochschule der Künste untersucht in seinem laufenden Projekt Disembodied Voice. Körper / Stimme / Technik Phänomene der technischen Manipulation der Stimme mit Hilfe eines Theaterlabors.

http://www.fimt.uni-bayreuth.de/de/research/Projekte/Woyke2009/index.html
Das Projekt Musik – Stimme – Geschlecht unternimmt eine kulturell-ästhetische Begründung des Klangideals hoher Singstimmen zwischen 1600 und 1750. Grundlage ist die Überzeugung, dass sich kulturell-ästhetische Prämissen in örtlich und zeitlich variierenden Ausprägungen von Singstimmen widerspiegeln.

http://www.zkm.de/phonorama/
Die Ausstellung Phonorama – Eine Kulturgeschichte der Stimme als Medium im Museum für Neue Kunst in Karlsruhe setzte sich mit dem kulturgeschichtlichen Phänomen Stimme auseinander.

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Sigrid Weigel: Die Stimme als Medium des Nachlebens

In Ihrem Aufsatz Die Stimme als Medium des Nachlebens: Pathosformel, Nachhall, Phantom. Kulturwissenschaftliche Perspektiven beschäftigt sich Sigrid Weigel, Professorin am Institut für Literaturwissenschaft der TU Berlin, ausgehend von Derridas Grammatologie mit der Opernstimme, der Stimme der Toten und der Stimme der Mythen.

aus: Sigrid Weigel: Die Stimme als Medium des Nachlebens

Doris Kolesch: Wer sehen will, muss hören

In ihrem Aufsatz Wer sehen will, muss hören. Stimmlichkeit und Visualität in der Gegenwartskunst, der in dem von ihr und Sybille Krämer herausgegebenen Band Stimme. Annäherung an ein Phänomen erschienen ist, widmet sich Doris Kolesch, Professorin für Theaterwissenschaft an der FU Berlin, dem Einsatz der Stimme in verschiedenen Kunstformen der Gegenwart. Am Beispiel einer Theaterinszenierung, einer Klangsituation und zweier Filme untersucht sie das Zusammenspiel von Stimmlichkeit und Visualität unter besonderer Berücksichtigung von drei Relationen: Stimme, Sprache und Schrift, Stimme und Erinnerung sowie Stimme und Imagination.

aus: Doris Kolesch: Wer sehen will, muss hören

Vito Pinto: Jelinek – Rois – Bruckmaier. Spuren der Stimme/n: eine Polyphonie

Vito Pinto, Lektor, Dramaturg und Dozent der Theaterwissenschaft an der FU Berlin, beschäftigt sich in seinem Beitrag Jelinek – Rois – Bruckmaier. Spuren der Stimme/n: eine Polyphonie mit Stimme(n) in der Hörspielfassung von Jelineks Roman Neid.

Die menschliche Stimme verfügt über eine ganz zentrale Eigenschaft: Indem sie er-klingt, ver-klingt sie auch zugleich, sie wird dem Körper des Sprechenden entwendet. Die Stimme kann daher als flüchtiges, fluides Phänomen bezeichnet werden, welches zugleich die An- bzw. Abwesenheit einer Sprecherin oder eines Sprechers markiert. Wir, die wir Stimmen rezipieren, nehmen die Stimme als eine Spur wahr: als Spur des Körpers der/des Sprechenden. Darüber spielt sie ihren besonderen Reiz aus, darüber affiziert sie den Hörenden immer schon, ob nun in angenehmer oder in abschreckender, in anziehender oder in abstoßender Weise: Und es ist uns noch nicht bewusst, was wir mit der Stimme, die sich uns scheinbar aufdrängt, assoziieren und verbinden. Entscheidend ist zunächst, dass die Stimme als akustisches Phänomen, als Spur des Körpers einer/eines Sprechenden erscheint, sich dem Rezipienten zeigt und ihn direkt anspricht. Wir werden jedoch auf bestimmte Stimmen besonders aufmerksam, können uns gewissermaßen ihrem Er-Klingen, ihrem Sound nicht entziehen. Diese Stimmen erzeugen, indem sie sich den Weg durch die Ohren in den Körper des Wahrnehmenden bahnen, eine nahezu magische Anziehungskraft: sie gehen den Hörenden konkret an, involvieren ihn.

Ein prägnantes Beispiel: Sophie Rois, etwa in der Radiofassung von Elfriede Jelineks Neid (BR 2011), verfügt über eine solche Stimme, der wir uns nicht entziehen können, die uns in besonderer Weise mitnimmt und affiziert. Doch das liegt nicht nur am spezifischen Klang, am Timbre, an der Intonation. Denn diese Stimme tritt in ein komplexes Verhältnis mit Jelineks Text sowie der technischen Realisierung durch Karl Bruckmaier. Es zeigt sich, dass es nicht nur darum geht, dass die Schauspielerin vermittels ihrer Stimme den Text der Autorin vorträgt, und dass wir entsprechend als Hörerende die Sprecherin als akustisches Medium wahrnehmen. Rois’ Stimme verkörpert vielmehr das Echo der literarischen Stimmen aus Jelineks wortgewaltigem „Privatroman“. Es zeigt sich im Verlauf des Hörstücks, dass es sich nicht um die eine Stimme handelt, sondern um die akustische Konkretisierung ganz unterschiedlicher Stimmen: um Spuren der literarischen Stimme/n Elfriede Jelineks, um Spuren der konkret erklingenden Stimme der Schauspielerin Sophie Rois, die unterschiedlichen Einfärbungen, Klangnuancen, das (Über-)Prononcieren der Sprache. Rois spricht zwar mit nur einer Stimme, ihrer Stimme. Doch erzählt diese Stimme mehr als nur die eine Geschichte; es sind unendlich viele Geschichten, die ihren Widerhall beim Hörenden, in dessen Assoziationen, Gedanken, Erinnerungen, Irritationen etc. finden.
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Weiterführende Literatur (in Auswahl)

Bayerdörfer, Hans-Peter (Hg.): Stimmen – Klänge – Töne. Synergien im szenischen Spiel. Tübingen: Narr 2002.

Blödorn, Andreas / Langer; Daniela / Scheffel, Michael (Hg.): Stimme(n) im Text. Narratologische Positionsbestimmungen. Berlin: De Gruyter 2006.

Benthien, Claudia: Die „vanitas“ der Stimme. Verstummen und Schweigen in bildender Kunst, Literatur, Theater und Ritual. In: Kolesch, Doris / Krämer, Sybille (Hg.): Stimme. Annäherung an ein Phänomen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 237-268.

Dombois, Johanna: Master Voices: Opernstimmen im virtuellen Raum. Fidelio im 21. Jahrhundert. In: Kolesch, Doris / Pinto, Vito / Schrödl, Jenny (Hg.): Stimm-Welten. Philosophische, medientheoretische und ästhetische Perspektiven. Bielefeld: transcript Verlag 2009, S. 127-142.

Kolesch, Doris / Schrödl, Jenny (Hg.): Kunst-Stimmen. Bonn: Theater der Zeit: 2004 (= Recherchen 21).

Kolesch, Doris: Wer sehen will, muss hören. Stimmlichkeit und Visualität in der Gegenwartskunst. In: Kolesch, Doris / Krämer, Sybille (Hg.): Stimme. Annäherung an ein Phänomen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 40-64.

Martin, Jacqueline: Voice in modern theatre. London: Routledge 1991.

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Jenny Schrödl: Schreien – Sprechen – Schweigen. Stimmlichkeit und Weiblichkeit bei EXPORT.JELINEK.NEUWIRTH

Die Theaterwissenschaftlerin Jenny Schrödl befasst sich in ihrem Vortrag Schreien – Sprechen – Schweigen. Stimmlichkeit und Weiblichkeit bei EXPORT.JELINEK.NEUWIRTH, der im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!) VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 20.3.2012 gehalten wurde, mit dem weiblichen Schöpfertum mit und ohne Stimme, mit weiblichen Stimmen als Konstruktion, mit vokalen Grenzverwischungen zwischen den Geschlechtern und mit dem Entzug der weiblichen Stimme anhand von Olga Neuwirths und Elfriede Jelineks Film Die Schöpfung, VALIE EXPORTs Performancefilm I turn over the pictures of my voice in my head und dem dazu von Jelinek verfassten Essay Ungeduldetes, ungeduldiges Sichverschließen (ach, Stimme!) sowie Jelineks Hörspiel Für den Funk dramatisierte Ballade von drei wichtigen Männern sowie dem Personenkreis um sie herum.

Jenny Schrödl: Erfahrungsräume

In ihrer Einleitung zum Kapitel Erfahrungsräume: Pathos – Emotion – Geschlecht gibt Jenny Schrödl, Theaterwissenschaftlerin an der FU Berlin, eine Einführung zum Thema Stimme und Geschlecht, in der sie sich mit der Anwendung von Judith Butlers konstruktivistischem Begriff “Gender” auf das Phänomen Stimme auseinandersetzt:

Ein anderer Aspekt von Erfahrungsräumen von Stimmen kann mit der Kategorie „Geschlecht“ umfasst werden. Die Stimme wird immer auch geschlechtlich wahrgenommen, wobei dieser Wahrnehmungs- und Zuschreibungsprozess ebenso wie die jeweilige stimmliche (sowie körperliche, modische etc.) Geschlechterperformance erst die Geschlechtlichkeit der sprechenden Person (mit-)konstituieren. Geschlecht – ebenso wie Sexualität und Begehren – ist im Sinne Judith Butlers als keine naturgegebene Größe zu verstehen, sondern als eine zeit- und kulturgebundene Konstruktion, die in Form ständiger Wiederholungen normativ bestimmter Praktiken, Handlungen, Erfahrungen, Wahrnehmungen und Urteile produziert wird.1)
So werden in der westlichen Kultur männliche und weibliche Sprechstimmen vor allem hinsichtlich der Tonhöhe bzw. der Grundfrequenz unterschieden (die männliche Stimme ist etwa eine Oktave tiefer als die weibliche), aber auch anhand von Artikulation, Intensität oder Intonation werden männliche bzw. weibliche Stimmen wahrgenommen, erkannt und differenziert, wobei dies auf angelernte Stimm- und Hörmuster zurückzuführen ist.2) Darüber hinaus erweist sich die Stimmwahrnehmung von Geschlechtsstereotypen bestimmt3) bzw. können in der geschlechtsspezifischen Wahrnehmung stimmlicher Verlautbarungen Männlichkeits- und Weiblichkeitsklischees tradiert werden. Beispielsweise gilt in unserer Kultur bis heute die „tiefe Stimme“ als dominant, seriös und vertrauenswürdig, während im Gegensatz dazu die „hohe Stimme“ als unsicher, weniger kompetent und weniger durchsetzungsfähig wahrgenommen wird4) Dies zeigt sich auch im Bereich des Fernsehens oder Rundfunks, wenn Nachrichtensendungen oder Dokumentationen verstärkt mit tieferen (Frauen-)Stimmen „besetzt“ werden, um ein Bild von Seriosität, Objektivität, Geistigkeit und Wissenschaftlichkeit zu vermitteln.
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Kathrina Reschka: Stimme – Geschlecht – Macht

Kathrina Reschka, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanische Sprachen und Literaturen der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, widmet sich dem Zusammenhang von Stimme, Geschlecht und Macht in den feministischen Theorien und den Gender Studies seit den 1950er Jahren.

Stimme – Geschlecht – Macht sind die Grundkonstituenten der Gendertheorie seit den 1980er Jahren. Geboren aus dem Geiste des linguistic turn, lösen sie die Trias Körper – Geschlecht – Macht ab, die in den 1970er Jahren insbesondere die feministische Theoriebildung getragen hatte.
Stimme, (Körper,) Geschlecht und Macht stehen spätestens seit 1950 in einem engen Beziehungsverhältnis, das prominent von Simone de Beauvoir in Le Deuxième Sexe für die Frau aufgezeigt und problematisiert wurde. Während die Problemlage zunehmend anerkannt und unter Einbeziehung von Kategorien wie Status, Alter, race ausdifferenziert wurde, waren die Ansätze zur Überwindung der Benachteiligung der Gruppe der Frauen, verwurzelt in der binären Opposition von weiblich/männlich, Körper/Sprache, Ohnmacht/Macht, schwarz/weiß, arm/reich usw., vielfältig.
Mit seinem Statement „Il n’y a pas LA femme“ hat Jacques Lacan verdeutlicht, dass das Sprachsystem der westeuropäischen Länder durch das männliche Begehren strukturiert worden sei und daher ein „volles Sprechen“ der Gruppe der Frauen unmöglich mache. Es waren die französischen Differenztheoretikerinnen Hélène Cixous und Luce Irigaray, die in den 1970er Jahren die avantgardistische Praxis des Körperschreibens (écriture féminine) und des Körpersprechens (parler femme) für die Gruppe der westeuropäischen weißen Frauen der Mittelschicht entwickelten. Die neue Sprachfindung und Teilhabe der Sprachlosen ging für sie vom Körper aus. Sie schlugen auf litera(tu)r(theoret)ischer Ebene eine „emanzipatorische Kunstform feministischer Ästhetik“ à la Valie Export ein (vgl. Das Reale und sein Double: der Körper, S. 39). Im Zuge des linguistic turn, d.h. der Aufwertung der Sprachhandlungen an sich, problematisierte Judith Butler in den 1980er Jahren, in Anschluss an Beauvoirs „On ne naît pas femme; on le devient“, dass die gesellschaftlichen Diskurse innerhalb einer symbolischen Ordnung den gendered body und die gender-Identität erst hervorbrächten. Ob ausgehend vom Körper oder ausgehend von der Sprache, gemeinsam ist den beiden an sich gegensätzlichen Ansätzen des Strukturalismus und des Konstruktivismus die Möglichkeit zur Neugewichtung innerhalb der Trias Stimme – Geschlecht – Macht, d.h., dass die Sprachlosen Zutritt zur Sprachwelt und den damit verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten erhalten.
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Weiterführende Literatur (in Auswahl)

Bischoff, Doerte / Wagner-Egelhaaf, Martina (Hg.): Mitsprache, Rederecht, Stimmgewalt. Genderkritische Strategien und Transformationen der Rhetorik. Heidelberg: Winter 2006.

Butler, Judith: Haß spricht. Zur Politik des Performativen. Übers. v. Kathrina Menke und Markus Krist, Berlin: Berlin-Verlag 1998.

Goffmann, Erving: Interaktion und Geschlecht. Frankfurt am Main: Campus Verlag 1994.

Graddol, David / Swann, Joan: Gender Voices. Oxford: Blackwell 1989.

Klann-Delius, Gisela: Sprache und Geschlecht. Stuttgart: Metzler 2005.

Schrödl, Jenny: Erfahrungsräume. Zur Einführung in das Kapitel. In: Kolesch, Doris / Pinto, Vito / Schrödl, Jenny (Hg.): Stimm-Welten. Philosophische, medientheoretische und ästhetische Perspektiven. Bielefeld: transcript Verlag 2009, S. 145-156.

Slembek, Edith: Veilchenstimmen. In: Geissner, Hellmut K. (Hg.): Das Phänomen Stimme. Natürliche Veranlagung oder kulturelle Formung. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag 2008.

Corinna Herr: Die weibliche Stimme in der Musik

Corinna Herr, Lehrbeauftragte am Musikwissenschaftlichen Institut der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf und Privatdozentin an der Ruhr-Universität Bochum, beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der geschlechtsspezifischen Zuordnung von Stimmlagen und mit Macht und Machtlosigkeit von weiblichen Stimmen in der Oper.

Die „weibliche Stimme“ wird musikhistorisch in verschiedenen Zeiten unterschiedlich präsentiert, rezipiert und konnotiert. Auf diese Konstruktionen greifen auch heutige Künstlerinnen, wie Valie Export, Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth – oder Sängerinnen, wie Maria Callas, Cathy Berberian, Madonna und andere – zurück. Was also ist die „weibliche Stimme“? Hier einige Behauptungen und Gegenreden:

1. Behauptung: Weibliches klingt ‚von Natur aus‘ hoch – ?

Insbesondere Stimmlage und Stimmklang gelten als Merkmale zur Definition von Geschlecht: Hohe Stimmen stehen für Weiblichkeit, tiefe für Männlichkeit. Rebecca Grotjahn hat exemplarisch auf diese Zuordnung in der Instrumentationslehre des Komponisten Hector Berlioz in der Mitte des 19. Jahrhunderts hingewiesen, der proklamiert: „Ihrer Natur nach werden die Singstimmen in zwei große Kategorien getheilt: in die männlichen oder tiefen und in die weiblichen oder hohen Stimmen“. Die von Karin Hausen konstatierte „Polarisierung der Geschlechtscharaktere“ äussert sich also auch im Bereich der Singstimme, zumindest seit dem späten 18. Jahrhundert. Denn die hier beschriebenen Gegensätze sind keine natürlichen Gegebenheiten, sondern ein Erbe der sich verfestigenden Geschlechterdichotomie dieser Zeit. Erst seither ist die Vereinbarkeit stimmlicher Qualitäten mit den jeweiligen Geschlechterbildern die dominante Kategorie und prägt massgeblich sowohl die Komposition von Vokalmusik wie auch die Besetzungspraktiken in der Oper.
Entsprechend werden ab dem 19. Jahrhundert Sängerinnen mit tiefen Stimmen denunziert und zwar mit dem Rekurs auf eine vorgebliche ‚Ordnung der Natur‘. So schreibt die Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung 1835: „Das Mann-Weib, Demoiselle Zöhrer, debütirte in der Zauberflöte und sang herzhaft ihren Tamino in der ursprünglichen Lage. Die Transposition aus der hohen Tenor- in die tiefe Sopran-Region bleibt immerdar widernatürlich.“ Bekannt aus dem 20. Jahrhundert ist der Fall aus den 1980er Jahren, in dem die St. George’s Chapel Windsor einer Sängerin verweigerte, dort in der Stimmlage Bass zu singen.
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Tiina Rosenberg: Stimmen der Queer-Diven

In ihrem Aufsatz Stimmen der Queer-Diven: Hosenrollen in der Oper und Zarah Leander auf der Schlagerbühne gibt Tiina Rosenberg, Professorin für Gender Studies an der Lund University, einen Überblick über den Forschungsstand zum Thema Frauen und Oper und beschäftigt sich mit Phänomenen der Travestie in der Oper und  in der Schlagermusik:

aus: Tiina Rosenberg: Stimmen der Queer-Diven

Weiterführende Literatur (in Auswahl)

Barkin, Elaine: Audible Traces. Gender, Identity and Music. Zürich: Carciofoli 1999.

Brett, Philip / Thomas Gary C. / Wood, Elisabeth (Hg.): The New Gay and Lesbian Musicology. New York: Routledge 2004.

Busch-Salmen, Gabriele / Rieger, Eva (Hg.): Frauenstimmen, Frauenrollen in der Oper und Frauen-Selbstzeugnisse. Herbolzheim: Centaurus 2000.

Clément, Cathérine: Opera or the Undoing of Women. London: Tauris Publishers 1997.

Dreysse, Miriam: Die stimmliche  Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlechteridentitäten auf der Bühne. In: Bayerdörfer, Hans-Peter (Hg.): Stimmen – Klänge – Töne. Synergien im szenischen Spiel. Tübingen: Narr 2002; 81-91.

Dunn, Leslie C. (Hg.): Embodied voices: representing female vocality in Western culture. Cambridge:Cambridge University Press 1994.

Grotjahn, Rebecca: Koketterie und Wahnsinn – zur Weiblichkeit des Koloraturgesangs. In: Gesellschaft z. Förderung d. Münchener Opern-Festspiele (Hg.): Von Meistersingern und Meistersängern. Oper aktuell. Jahrbuch der Bayerischen Staatsoper 2004/2005.

Herr, Corinna: Identitätsfindung über die Stimme. In: Musikforum. Das Magazin des Deutschen Musikrats 4/2004, S. 42-44.

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