VALIE EXPORT, Stefanie Kaplan: Dekonstruktion der männlich geprägten Vorstellungen

VALIE EXPORT geht im Interview mit Stefanie Kaplan Kunst als Überschreitung, das in dem von Stefanie Kaplan herausgegeben Buch „Die Frau hat keinen Ort“. Elfriede Jelineks feministische Bezüge (2012) erschienen ist, auf vergleichbare thematische und ästhetische Ansätze sowie auf gemeinsame Arbeiten ein. EXPORT spricht über ihre Auseinandersetzung mit traditionellen Geschlechterrollen und über die Darstellung und Fragmentierung des weiblichen Körpers:

Stefanie Kaplan: Die Auseinandersetzung mit traditionellen Geschlechterrollen ist ein Thema, das sowohl Elfriede Jelineks Texte als auch Ihre Arbeit von Anfang an geprägt hat. Jelinek verarbeitet und bearbeitet männlich geprägtes Sprachmaterial, um die darin enthaltenen Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Ist Ihr Umgang mit traditionellen Frauenbildern, beispielsweise in den Madonnenfotos wie Geburtenmadonna oder Strickmadonna damit zu vergleichen? Ist das ein ähnliches Verfahren, nur eben auf verschiedenen Ebenen?
VALIE EXPORT:
Ja, sicherlich, aber es sind eben andere Ebenen, andere ästhetische und inhaltliche Ebenen, es sind andere mediale Ebenen, aber ist genau dasselbe Verfahren, dass ich den Kanon der männlich geprägten Vorstellungen untersuche, auseinander nehme und dekonstruiere.
Stefanie Kaplan:
Auch die Beschäftigung mit dem weiblichen Körper und die Darstellung seiner Fragmentierung findet sich in Ihren und Elfriede Jelineks Arbeiten. In Die Klavierspielerin ist das Zerschneiden des eigenen Körpers auch eine Wiederaneignung des männlich besetzten Territoriums. Trifft das auch auf Ihre Arbeit zu, bei der Sie ja häufig den eigenen Körper einsetzen?
VALIE EXPORT:
Ja, natürlich. Das Zerschneiden des eigenen Körpers, aber auch das Sichtbarmachen des eigenen Körpers. Man stellt mir auch immer wieder die Frage, warum ich bei meinen Performances nackt aufgetreten bin. Ich wollte keine Zuordnung der Kleidung, weil ich mir überlegt habe, welches System würden meine Kleider bestätigen oder darstellen, und deshalb war es der nackte Körper. Es war mir auch bewusst, dass er nicht dem Pornografischen zugeordnet werden konnte, obwohl er nackt war. Die Handlung und das, was dort passiert ist, hat so abgelenkt von einer voyeuristischen Betrachtung des nackten Körpers, dass dieses Moment ausgeschlossen war. Ich habe mit sehr vielen Leuten darüber gesprochen, auch mit Männern, und die sagten, es stimmt, es ist einem nicht mehr bewusst, dass der Körper nackt ist.

aus: VALIE EXPORT / Stefanie Kaplan: Kunst als Überschreitung. In: Kaplan, Stefanie (Hg.): „Die Frau hat keinen Ort“. Elfriede Jelineks feministische Bezüge. Wien: Praesens Verlag 2012 (= DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE 9), S. 194-205, S. 204-205.