Robert der Teufel (1985)

Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth

Robert der Teufel entstand im Rahmen des von Hans Werner Henze geleiteten 2. Jugendmusikfestes Deutschlandsberg (steirischer herbst 1985). Die Oper wurde unter Anleitung von Gerd Kühr und Stefan Hakenberg gemeinsam mit Deutschlandsberger Jugendlichen erarbeitet, darunter auch Olga Neuwirth, die das Lied Roberts Ich hab’s satt, die Tänze von Wassermann, Scharbock und Haberngoaß und das Lied der Prinzessin Jetzt hat die Liebe mich endlich getroffen komponierte. Elfriede Jelinek verfasste das Libretto. In der Oper wird die Verbindung von Sprechen und Handeln bzw. Schweigen und Passiv-Sein thematisiert. In der Libretto-Vorlage, der steirischen Sage Robert, der Teufel, wird Robert als „überaus stark und unbändig“1) beschrieben, während die Prinzessin als stumm charakterisiert wird. Robert ist in der Sage der Handelnde, die Prinzessin beobachtet seine Handlungen aus der Ferne. Am Ende der Erzählung bricht sie ihr Schweigen aus Liebe zu Robert.
Jelinek präsentiert mit ihrem Libretto eine Lesart, die das Schweigen der Prinzessin umdeutet zur aktiven Handlung. Das Schweigen ist in der Oper kein Zeichen für Passivität, sondern es ist ein bewusster Akt, der die Prinzessin zur handlungsbestimmenden Figur macht.

1) Robert, der Teufel. In: Kainz, Walter (Hg.): Weststeirische Sagen. Graz: Verlag für Sammler 1974, S. 134-137, S. 134.

Jelinek betont in ihrem Essay Die Figuren in Robert der Teufel, dass das Schweigen der Prinzessin als ein „Akt der Verweigerung“ verstanden werden kann:

Da normalerweise Männer die Handlung der Opern und Theaterstücke vorantreiben und bestimmen, war es für mich klar, daß diesmal eine Frau diejenige zu sein hätte, die die Mechanismen der Geschichte früher begreift als die anderen und der Handlung durch ihr eigenes Agieren immer den gewissen Drall gibt: die Prinzessin. Schon ihr Stummsein, ihr Schweigen, in der Sage nicht näher definiert, aber durch Liebe, eben zu dem Grafensohn Robert (der Teufel!), aber auch durch die Wahrheit (in der Sage ist die Prinzessin stumme Zeugin eines Betrugs, den sie dann an der richtigen Stelle natürlich aufklärt, wozu sie sich der Sprache bedienen muß und endlich auch kann), durch das Aussprechen der Wahrheit geheilt, ist nicht einfach eine Krankheit, die ihr zugestoßen ist aufgrund eines höheren Schicksals, es ist ein Akt der Verweigerung, also Aktivität, und das sogar schon im Märchen, wie ich behaupte.

aus: Elfriede Jelinek: Die Figuren in Robert der Teufel. In: Musikfibel zum 2. Jugendmusikfest Deutschlandsberg 14.-27. Oktober 1985, S. 52-54, S. 52.

In der Oper werden Sprechen und Handeln nicht mehr gleichgesetzt, so bestimmt die Prinzessin, obwohl sie schweigt bzw. gerade weil sie schweigt, das Geschehen:

In meiner modernen Adaption, wenn man es so nennen mag, ist sie [die Prinzessin] aktive Kämpferin gegen Militarismus, Profitmachertum und Kriegstreiberei, verkörpert durch ihren Vater, der in seinem Kaufhaus Kriegsmaterial verhökert. Sie durchschaut alles, und sie bestimmt, auch als Nichtsprecherin, den Fortgang der Geschichte. Ihr Sprechen angesichts Roberts im Augenblick der Liebe ist bei mir nichts als ironische Floskel, ein boshafter Seitenhieb, wenn man so will, auf alle Ideologen, die da behaupten, eine Frau könne sich nur durch die und in der Liebe definieren, nur durch einen Mann ein Schicksal erhalten.

aus: Elfriede Jelinek: Die Figuren in Robert der Teufel. In: Musikfibel zum 2. Jugendmusikfest Deutschlandsberg 14.-27. Oktober 1985, S. 52-54, S. 53.

Im Libretto bleibt die Grundstruktur der Vorlage zwar erhalten, doch das Sprechen der Prinzessin im Moment der Liebe zu Robert wird ad absurdum geführt. Anders als in der Sage verliert Robert kurzzeitig seine Stimme, sobald die Prinzessin zu sprechen beginnt:


Prinzessin:

Jetzt hat die Liebe mich endlich getroffen,
hat mir meine Stimme gegeben!
All das läßt mich für die Zukunft hoffen,
daß es auch Wunder gibt im Leben.

(Robert heult, die Prinzessin streichelt ihn.)

Ja, ich finde, du hast auch diesmal recht,
aber ist die Welt auch fürchterlich schlecht,
sollten wir uns doch aufraffen,
eine bessere zu schaffen!

(Robert heult.)

Ach, Robert, hörst du nicht, ich kann jetzt
reden!
Dafür bist du nun stumm geworden.
Wenn du immer nur vor dich hin heulst
im Leben,
verdienst du dir gewiß keinen Orden!

(Robert heult lang und ausdauernd.)

aus: Elfriede Jelinek: Robert der Teufel. In: Beiheft zur Musikfibel zum 2. Jugendmusikfest Deutschlandsberg 14.-27. Oktober 1985, S. 9.

Bildnachweise:
Cover. Musikfibel zum 2. Jugendmusikfest Deutschlandsberg 14.-27. Oktober 1985.
Besetzungsliste. In: Musikfibel zum 2. Jugendmusikfest Deutschlandsberg 14.-27. Oktober 1985, S. 45.