Gerold W. Gruber: Intermedialität in der Musik Olga Neuwirths

Gerold W. Gruber, ao. Univ.-Prof. an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, befasst sich in seinem Aufsatz Intermedialität in der Musik Olga Neuwirths, insbesondere der Jelinek Vertonungen, der 2007 in dem von Pia Janke herausgegebenen Band „Ich will kein Theater“. Mediale Überschreitungen erscheinen ist, mit Werken Olga Neuwirths, die auf der Grundlage von Texten von Elfriede Jelinek entstanden sind.

Im O-Ton der unbeugsamen Komponistin Olga Neuwirth aus einem Text über Elfi und Andi:
“Eigentlich interessiert mich im Umgang mit den Texten das Wissen, daß wir Komponisten, grob gesagt, Usurpatoren im Land der Literaten sind. Dennoch, so glaube ich, kann durch ein Text-Musikgewebe etwas Neues, Eigenes entstehen, auch wenn Sprache und ihre immanenten Strukturen nicht mehr wirklich zu verstehen sind. Wir können diesen Texten aber in einer virtuellen Neuschaffung und musikalischen Überhöhung – also einer neuen Aura, die Vielfalt, Musikalität, Komplexität und Schärfe des jeweiligen Dichters zurückgeben, oder?”1)
In dieser rhetorischen Frage „oder?“ baut Neuwirth gleichsam ihre Rechtfertigung auf: wenn die Strukturen der Sprache bloßgelegt werden, dann erhebt sich der Anspruch der Musik, diese (die Sprache) wieder neu zu errichten; wenn die Semantik durch Textunverständlichkeit unterlaufen wird, dann sollte zumindest die Musik um die auseinanderdriftende und in Auflösung befindliche Komplexität wieder einen neuen, jetzt aber mehrdimensionalen Korpus entstehen lassen, der dieses Fehlen an Semantik und das Zerbrechen der Syntax einigermaßen kompensieren kann. Am deutlichsten wird diese „usurpatorische“ Anstrengung in dem nur durch elektronische Verzerrung erreichbaren „voice-morphing“. Die menschliche Stimme wird im Frequenzspektrum moduliert, sodass ungewöhnliche scharfe oder weiche Klangnuancen hörbar werden. Nach der Komponistin Wunsch verwandelt sich die Singstimme in einen heulenden Wolf und überzeichnet den Ausdruck der menschlichen Singstimme als eine „zum Heulen“ geeignete. Überdies kann das „voice-morphing“ die menschliche Singstimme vollständig ihrer Menschlichkeit und Tierhaftigkeit entkleiden und zur Instrumentalstimme degradieren – ein Akt der Entleibung gewissermaßen. Als eine analoge Form des digitalen „morphing“ setzt Neuwirth die beinahe kastratenhaft wirkende Stimmlage eines Countertenors ein, dessen androgyne Anlage Neuwirth besonders interessiert (ihr Interesse an dem androgynen Popbarden Klaus Nomi hat sie ja auch bereits in einer Komposition bekundet). Kraft ihrer profunden und virtuosen Kenntnis der Kompositionstechniken vermag Olga Neuwirth dem Text-Musik-Konstrukt darüber hinaus noch skurrile, groteske und satirische Facetten abzugewinnen.

1) Neuwirth Olga: Notizen während der Arbeit zu „Elfi und Andi“. In: Programmbuch der Wittener Tage für neue Kammermusik 1997, S. 68-69, S. 68.

aus: Gerold W. Gruber: Intermedialität in der Musik Olga Neuwirths, insbesondere der Jelinek Vertonungen. In: Pia Janke (Hg.): „Ich will kein Theater“. Mediale Überschreitungen. Wien: Praesens Verlag 2007, S. 401-409, S. 403-404.