Helga Utz: Für alle Ewigkeiten Küssenmüssen

Die Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin Helga Utz beschäftigt sich in ihrem Aufsatz Für alle Ewigkeiten Küssenmüssen mit Olga Neuwirths Komposition Der Tod und das Mädchen II, die auf der Grundlage von Elfriede Jelineks gleichnamigem Theatertext, dem zweiten Teil der “Prinzessinnendramen”, entstanden ist.

Die Komponistin und die Schriftstellerin verbindet seit 1990 eine intensive und fruchtbare Zusammenarbeit, in der sie sich ideal ergänzen: „Über die Wörter hinaus sagt die Musik vielleicht das Unsagbare, die fließende Verzauberung, die Klischee und Ironisierung nicht ausspart, sie kehrt zurück wie die Erinnerung, sie verlässt uns nicht. Sie fügt sich in die Sprache ein, und man spürt ihre ständige Anwesenheit von der Distanz zur Stimme bis zur Übermalung der Stimme, wobei ich auf trashige Science-Fiction-Klänge nicht verzichten wollte, da für mich das ‚Märchen‘ an einem Unort stattfindet.“ (Olga Neuwirth)
In Der Tod und das Mädchen II verschlingen sich Sprache und Musik zu widerständigen akustischen Räumen, in denen keine Position festgelegt wirkt. Computerklänge und gespenstische geräuschhafte Abläufe herrschen vor und lassen die Welt als Artefakt erscheinen. Auch die Stimmen – es sprechen Anne Bennent und Hanna Schygulla, dazu kommt eine von Gottfried von Hüngsberg generierte Computerstimme – wirken distanziert. Die Sprache liegt wie in einem klanglichen Glassarg, umgeben von Künstlichkeit und Kälte. Doch unvermittelt blitzen vertraute Signale auf, verzerrte Reminiszenzen eines Streichquartetts oder einer Flöte, unvermutet wirkt eine sprachliche Wendung persönlich, und im Hörer steigen mit Macht Assoziationen auf, so wie ein Duft Erinnerungen beschwört, denen wir nicht ausweichen können. Es entsteht ein Sog, der uns in die Geschichte zieht, der Herz und Hirn in Bewegung setzt.
Neuwirth nähert sich der Sprache wie ein Maler der Farbe: Zu Zeiten wird sie unvermischt und klar aufgetragen, dann wieder in den Hintergrund gedrängt, als Aquarell verschwimmend. Nicht immer ist der Text klar verständlich; er erscheint auf verschiedenen Ebenen, als Transportmittel für das Gesagtwerdenwollende, als akustisches Material, als Emotionsvehikel, als Meißel für die dramatische Zuspitzung. Die Figuren sind zugleich real, irreal und surreal.
O-Töne wie Regen, die Natur, Landidylle – gackernde Hühner, böse Jodler, Volksgut, aufgehoben im doppelten Wortsinn, schlagen an einem bestimmten Punkt des Hörstücks den Bogen zur politischen Realität, zu der Zeit, als Haider Macht gewann.1) Dornröschen, das ist auch „das kleine, dicke, hübsche, unschuldige, harmlose Land, das vom Prinzen Haider wachgeküßt wird. So ein Kuß ist diesem Land schon einmal passiert, und schon damals hat es sich bekanntlich willig hingelegt“ (Elfriede Jelinek): „BESUCHEN SIE ÖSTERREICH! JETZT ERST RECHT!“ 2) (Dieser Satz allerdings wurde vom Uraufführungs-Choreografen als nicht passend erachtet und durfte nicht erwähnt werden. Daher fehlt er auch in der vorliegenden Hörstück-CD.)
Ob Dornröschen als Frau wachgeküsst werden will, ist fraglich. Dornröschen, die Prinzessin, hat sich an einen gläsernen Ort zurückgezogen, oder wurde dorthin verbracht. Der Prinz holt sie mit unwiderleglichen Argumenten, hauptsächlich mit denen der Macht, in die Realität. Er ist der Herrscher über Leben und Tod, der Prinz, daher auch die eindeutige, künstliche Stimme, der ungreifbar in sich ruht. Er kann es sich leisten, sogar menschliche Klänge anzunehmen (wenn er teilweise von Hanna Schygulla gesprochen wird). Für ihn gibt es keine Fragen. Im Gegensatz zur Prinzessin: Ihre Identität ist unklar, ihre Stimme changiert, sie wechselt, zerfällt und löst sich schließlich auf.

1) Als Vorsitzender der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) hatte Jörg Haider entscheidend zum Zustandekommen der Koalition seiner Partei mit der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) beigetragen, die am 4.2.2000 unter Führung von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) die Regierungsgeschäfte in Österreich übernahm. Vgl. dazu auch Olga Neuwirth „Ich lasse mich nicht wegjodeln“, im vorliegenden Band [= Stefan Drees (Hg.): Olga Neuwirth. Zwischen den Stuehlen, 2008], S. 128-129.
2) Elfriede Jelinek: Der Tod und das Mädchen II. In: Elfriede Jelinek: Der Tod und das Mädchen I-V. Prinzessinnendramen. Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag 2003, S. 25-39, S. 38.

aus: Helga Utz: Für alle Ewigkeiten Küssenmüssen. In: Stefan Drees (Hg.): Olga Neuwirth. Zwischen den Stuehlen. A twilight Song auf der Suche nach dem fremden Klang. Salzburg: Verlag Anton Pustet 2008, S. 133-134.