EXPORT, Jelinek, Neuwirth: Die Künstlerin in der Gesellschaft

In ihrer Rede zur Eröffnung des Steirischen Herbst 2003 Alles ist möglich und tout est mort geht Neuwirth auf die Situation von Frauen und Künstlerinnen in Österreich ein:
Als Künstlerin und speziell als Vertreterin einer Kunstsparte, in der man von Anderen, von Ausführenden abhängig ist, kenne ich eine weitere Randsituation. Ich weiß, Sie denken nun, das ist ein Klischee. Meiner Meinung nach aber, hat sich im Verhalten Künstlerinnen gegenüber noch nicht viel geändert, speziell in Österreich. Abgesehen davon, daß man nach neuesten Studien weiß, daß Frauen schamloserweise immer noch um 40% weniger Bruttoeinkommen beziehen als Männer, herrscht in unserem Bereich weiterhin der unausrottbare Glaube, Genie sei männlich. Hinter unserem weiblichen Rücken wird daran festgehalten, daß Komponieren für Frauen eher ein unvorhergesehener geistiger Unfall sei, und daraus folgt, daß weibliche schöpferische Arbeit in der Musikwelt weiterhin nicht wirklich ernst genommen und die Frau im allgemeinen zu grossen [sic] Kunstschöpfungen nicht für fähig gehalten wird. Zitat eines mächtigen Musikveranstalters: „Wenn aus Ihnen nichts wird, können Sie noch immer heiraten und Kinder kriegen.“
aus: Olga Neuwirth: Alles ist möglich und tout est mort. http://www.olganeuwirth.com/fset1.html (13.3.2012) (=Olga Neuwirths Homepage)

Jelinek beteiligt sich mit ihrem Essay Rund, handlich, einfach zum Reinbeißen – so will man hierzulande Mozart an der kulturpolitischen Diskussion über die Situation von KünstlerInnen in Österreich. Sie geht dabei vor allem auf die prekäre finanzielle Lage von KünstlerInnen am Beispiel von Olga Neuwirth ein:
Die Komponistin kann nicht Opern zu schreiben beginnen, bevor sie eine feste Zusage (und natürlich einen Vorschuß) für ihre Arbeit hat. Wir sind hier nämlich nicht in La Bohème, in die die Opernbesucher strömen, vor allem, wenn ihre Lieblingsstars singen, wir sind hier leider im richtigen Leben, in dem sich Frauen große Werke am besten verkneifen (abschminken ist wahrscheinlich das passendere Wort) sollten.
aus: Elfriede Jelinek: Rund, handlich, einfach zum Reinbeißen – so will man hierzulande Mozart. In: Die Presse, 1.12.1995.

In einem Interview mit Felicitas Herrschaft, das 2012 im Internet veröffentlicht wurde, spricht VALIE EXPORT unter anderem über ihre Rezeption als Medienkünstlerin in Österreich:
VALIE EXPORT: Man muss schon sagen von Österreich weg aus dem österreichischen Kunstkontext heraus, international zu agieren, das braucht eine wahnsinnig große Anstrengungen [sic], weil einerseits in der damaligen Zeit die österreichische Kultur sich ja sowieso nicht um diese Arbeiten gekümmert hat, wenn man nur an die Siebziger Jahre denkt, wenn man das gesagt hat, ich bin Medienkünstlerin, dann hat jeder durchschnittliche Kulturmensch nur gelacht, weil er gar nicht wusste, was das überhaupt sein kann oder ist, weil man nur die traditionellen Kunstformen beachtet hat. Das war schon in Österreich bitter, weil die Arbeiten halt einfach negiert wurden. […] Also man konnte sich ja kaum Diskussionen stellen, weil die Arbeiten einfach negiert wurden. Ich bin dann aber schon sehr früh ins Ausland gegangen und hab dann natürlich meine Kontakte gehabt und meine Auseinandersetzungen, meine Filmvorführungen, meine Auftritte in den Siebziger Jahren. Ich war in London, in Amsterdam und in Brüssel, aber in Österreich war das eben ganz schwierig. Also es war schon in Österreich sehr schwer in dieser Zeit und dann noch von anderen Kuratoren außerhalb Österreichs, da wurde sich ja nicht viel damit beschäftigt. Man hätte eine unheimliche Aufbauarbeit leisten müssen und es hat ja viel weniger Galerien gegeben und die Museen haben trotzdem auch nur ihre traditionellen Ausstellungen gemacht, also es war ein schweres Brot.
aus: VALIE EXPORT / Felicitas Herrschaft: Gespräch mit Valie Export, April 2004. http://www.fehe.org/index.php?id=572 (13.3.2012)

Der Artikel Leben als Alien, der 2002 in der Zeitschrift EMMA erschienen ist, widmet sich Olga Neuwirths Werk und ihrem politischen Engagement. In Bezug auf ihre Situation als Komponistin im männlich dominierten Musikbetrieb wird Neuwirth zitiert:
Bei jedem neuen Auftrag wird mir wieder dieses Misstrauen und diese Angst entgegengebracht, dass ein neues Stück vielleicht peinlich wird oder ein Skandal – und das ist auf Dauer ein bisschen anstrengend und zermürbend. […] Jeder Komponist erlebt Höhen und Tiefen. Aber ich glaube, ich als Frau kann mir keinen Ausrutscher leisten. Dann wär’s aus.
aus: Olga Neuwirth / Wibke Bantelmann: Leben als Alien. http://www.emma.de/hefte/ausgaben-2002/septemberoktober-2002/olga-neuwirth/ (13.3.2012)

In einem Interview mit Andrea Schurian, das 2010 aus Anlass von EXPORTs 70. Geburtstag in der Tageszeitung Der Standard erschienen ist, spricht VALIE EXPORT unter anderem über ihre frühen Arbeiten, Kunst von Frauen und ihren Künstlernamen sowie über die Unterschiede in der Wahrnehmung ihrer Werke in Österreich und im Ausland.
VALIE EXPORT: Land-Art, Performances, Installationen, Expanded Cinema: Das waren damals völlig unbekannte Begriffe hierzulande. International gab es das natürlich bereits alles. Aber in Österreich gab es darüber null Reflexion. Außerdem habe ich mit Medien gearbeitet, die damals als nichtkünstlerisch gegolten und eine neue, eine performative Ästhetik erzeugt haben. Das konnte hier niemand einordnen. Und drittens war ich eine Frau mit einem dezidiert feministischen Standpunkt. Das hat die Rezeption in Österreich mehr oder minder unmöglich gemacht. Ich konnte meine Arbeiten zwar ziemlich schnell im Ausland zeigen. Aber der Satz, man müsse sich zuerst im Ausland bewähren, um in der Heimat anerkannt zu werden: den finde ich eine ziemliche Zumutung.
aus: VALIE EXPORT / Andrea Schurian: „Hinausgehen aus dem sicheren Hafen“. In: Der Standard, 15./16.05.2010.

In dem Interview Ernste Musik und Ende mit Reinhold Schulz 2001 spricht Olga Neuwirth über das Misstrauen, das ihr als Frau im Musikbetrieb entgegengebracht wird:
Olga Neuwirth: Aber lange Zeit war ich einfach der Kasperl in der „Szene“. Man glaubte nicht, dass ich das so wollte. Auch, dass man das einer Frau nicht zutraut. Immer sucht man nach neuen Genies – und dies bezieht sich immer auf männliche. Der Musikbetrieb ist einer der letzten, der absolut männlich bestimmt ist. Als Frau muss ich immer wieder aufs Neue beweisen, dass ich etwas kann.
aus: Olga Neuwirth / Reinhold Schulz: Ernste Musik und Ende [2001]. In: Drees, Stefan (Hg.): Olga Neuwirth zwischen den Stuehlen. Salzburg: Verlag Anton Pustet 2008, S. 148-153, S. 152.

In dem Interview Wir sind beide Vampire, das Jelinek und Neuwirth aus Anlass des Schwerpunkts Dichterin zu Gast ’98. Elfriede Jelinek bei den Salzburger Festspielen 1998 der Zeitschrift profil gaben, sprechen die beiden Künstlerinnen über den Stellenwert von zeitgenössischer Literatur und Musik bei den Salzburger Festspielen, ihre erste Begegnung beim 2. Jugendmusikfest Deutschlandsberg und über künstlerisch tätige Frauen in männlich dominierten Kunstbereichen ein:
Jelinek: Ja, wir sind beide Vampire. Vielleicht ist das Vampirische, das Aussaugen, die Methode, sich von überall das zu holen, was man brauchen kann, charakteristisch für weibliche Kunst.
Neuwirth: Transylvanien ist für mich auch ein Symbol für einen Ort, an dem man nicht so angreifbar ist, wo man nicht sofort in eine Schublade gesteckt werden kann.
Jelinek: Das ist für die weibliche Künstlerexistenz überhaupt paradigmatisch. Künsterlinnen sind nie ganz da und nie ganz weg, sie tauchen immer wieder auf. Vielleicht ist die Kunst von Frauen deshalb auch subversiver als die Kunst von Männern. Der Bereich der Frauen ist das Unterlaufen von Normen. Das liegt auch am Freiraum, den uns Männer unbewußt einräumen. Wenn einem nichts zugetraut wird, kann man auch alles machen.
aus: Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth im Gespräch mit der Zeitschrift profil : Wir sind beide Vampire. In: profil, 3.8.1998.

In dem Essay Weiberleiber, der 1988 in der Zeitschrift Neues Forum erschienen ist und ursprünglich den Titel Die Frau und das Reale: Das verdrängte Soziale trug, beschäftigt sich EXPORT mit der Kunst als einem männlich geprägten Bereich, den sich Frauen subversiv aneignen müssen, um sich selbst repräsentieren zu können:
Die Frau muß also die Kultur transformieren, wenn nicht sogar transgredieren, weil sie in der real existierenden, von Männern konstruierten Kultur in der Tat keinen Ort hat. Nur in der Kultur-Überschreitung, in der Kultur-Transgression kann die Frau zu sich kommen und Kunst bzw. ihr eigenes Bild produzieren.
aus: VALIE EXPORT: Weiberleiber. Zit. n.: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hg.): VALIE EXPORT. Mediale Anagramme. Berlin: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst 2003, S. 202-205, S. 205.

In ihrer Rede Sich vom Raum eine Spalte abschneiden zur Eröffnung der Retrospektive VALIE EXPORT Split:Reality im Museum Moderner Kunst (20er Haus) in Wien am 24. April 1997 geht Jelinek nicht nur auf VALIE EXPORTs Arbeiten, sondern auch auf die Kunst von Frauen im Allgemeinen ein:
Aber eigentlich gehörte dieses Werk, wie überhaupt die Werke von Frauen [...] in eine Art Untergrund, eben diesen klandestinen Strom, der sich träge meist, unter der herkömmlichen Geschichtsschreibung dahin wälzt. […] Diesem Halbdunkel, in dem sich das Werk von Frauen auf der Ebene des Symbolischen aufhält, bis es, selten, für eine kurze Zeit an die Oberfläche treten darf, bevor es wieder zu verschwinden hat, werden wir dennoch immer mehr Raum widmen müssen.
aus: Elfriede Jelinek: Sich vom Raum eine Spalte abschneiden. Zu den Video-Installationen VALIE EXPORTS. http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvalie-1.htm (1.3.2012) (= Elfriede Jelineks Homepage)

In dem Essay Das Maßnehmen und die Maßnahmen, den Jelinek für die von Margarete Lamb-Faffelberger herausgegebene Festschrift zu VALIE EXPORTs 70. Geburtstag verfasste, geht Jelinek auf VALIE EXPORTs Arbeit als Werk einer Frau, die sich männlich besetztes Territorium aneignet, ein.
Die Wirklichkeit ist anders, als Sie gedacht hätten, das sagt die Künstlerin, und sie sagt es denen, die das ohnehin gewußt hätten wie denen, die davon keine Ahnung hatten, aber sie sagt es mit sich selbst, die eben sich als diese Wirklichkeit schafft, damit es keine andere mehr außerhalb geben kann. Die falsche Wirklichkeit, in der Frauen schaffen können, und zwar etwas anderes als ein Kind, die Wirklichkeit, die es nicht gibt, die entsteht da plötzlich durch die Kunst einer Frau.
aus: Elfriede Jelinek: Das Maßnehmen und die Maßnahmen. In: Lamb-Faffelberger,

Margarete (Hg.): Staging EXPORT: VALIE zu Ehren. New York: Peter Lang 2010, S. 7-16, S. 13-14.