Die Schöpfung (2010)

Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth

Der Film Die Schöpfung entstand für die Lange Nacht der Kirchen 2010 und wurde im Rahmen des Schwerpunktes Himmel und Haydn in der Pfarre Eisenstadt Oberberg am 28.5.2010 uraufgeführt. Der Film arbeitet mit Klang/Bild-Montagen und setzt sich ironisch mit der Genesis, aber auch mit dem Thema der weiblichen Schöpfung auseinander. Jelinek steuerte für den Film den Text Mit der Zeit… bei, der bislang nicht veröffentlicht wurde. Der Film zeigt den künstlerischen Schaffungsprozess als Schöpfungsakt. Jelinek und Neuwirth, die von Gott geschaffen wurden, werden beim Schreiben und Komponieren gezeigt. Die Künstlerinnen stehen für Wort und Musik und deren Verbindungsmöglichkeit. Am Ende wird ihr Werk von Gott zerstört, der die Frage äußert: „Das sind die Zeugungen des Himmels und der Erde?“
Komposition und Video stammen von Olga Neuwirth, Elfriede Jelinek und Erwin Steinhauer sprechen den von Jelinek verfassten Text. Der Film ist unter folgendem Link abrufbar: http://blip.tv/lillevan-/die-schoepfung-the-creation-3905054

Gespräch „Die Frau hat keinen Ort“. Künstlerinnen in Österreich

Das Gespräch „Die Frau hat keinen Ort“. Künstlerinnen in Österreich, das im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!) VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 13.3.2012 stattfand, beschäftigt sich mit der Sichtbarkeit und Hörbarkeit von Künstlerinnen in Österreich. Es wurde besprochen, welchen Stellenwert das künstlerische Werk von Frauen in unserer Gesellschaft hat, inwieweit sich die Situation von Künstlerinnen in Österreich in den letzten Jahrzehnten verändert hat und welche Möglichkeiten die Politik heute hat, um Frauen, die in Kunst und (Kunst)Wissenschaft tätig sind, zu fördern. Und es wurde diskutiert, worin die Provokation im künstlerischen Schaffen von EXPORT, Jelinek und Neuwirth besteht.
An dem von Pia Janke moderierten Gespräch nahmen Andrea B. Braidt, Vizerektorin für Kunst und Forschung an der Akademie der bildenden Künste, die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Schmid-Bortenschlager und Ines Stilling, Leiterin der  Sektion II – Frauenangelegenheiten und Gleichstellung des Bundeskanzleramtes Österreich teil.

VALIE EXPORT – ELFRIEDE JELINEK

Jelinek über EXPORT
Jelinek geht in ihrer Rede Sich vom Raum eine Spalte abschneiden zur Eröffnung der Retrospektive VALIE EXPORT Split:Reality im Museum Moderner Kunst (20er Haus) in Wien am 24. April 1997 zunächst allgemein auf Kunst von Frauen ein, um dann über VALIE EXPORTs Arbeiten und deren Rezeption zu sprechen. Jelinek betont, dass sich EXPORT in ihrer Kunst gegen das vorhandene, männlich geprägte Gesellschafts- und Kunstsystem richtet und eine eigene Kunstsprache entwickelt hat:

Ich denke also, daß im Fall der Kunst Valie Exports sehr schön nachzuweisen ist, wie jemand, der im ständigen Widerspruch zum offiziellen Vermittlungssystem gearbeitet hat, also einer Gegenwärtigkeit, die sich selbst sagt und auch die Macht dazu hat, diesem oberirdischen System des Herkömmlichen die eigene Erfahrung aufzwingt, die eine ganz andere Sprache spricht. Und so muß jetzt plötzlich doch zugelassen werden, daß gezeigt wird, wie eine Frau etwas ausspricht, das unserer kollektiven Erfahrung besser entspricht als das meiste, das wir sonst zu hören bekommen.

aus: Elfriede Jelinek: Sich vom Raum eine Spalte abschneiden. Zu den Videoinstallationen Valie Exports. http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvalie-1.htm, datiert mit 1997, eingesehen am 24.1.2012 (= Elfriede Jelineks Homepage, Rubrik: zur Kunst).

EXPORT über Jelinek
EXPORT spricht im Interview mit Stefanie Kaplan Kunst als Überschreitung, das in dem von Stefanie Kaplan herausgegeben Buch „Die Frau hat keinen Ort“. Elfriede Jelineks feministische Bezüge (2012) erscheint, über gemeinsame Arbeiten und über Jelineks Sprache:

Mich spricht die Sprache von Elfriede Jelinek sehr stark an, schon immer eigentlich, weil sie einerseits diesen feministischen und andererseits diesen revolutionären Ausdruck hat, und auch revolutionär mit der Sprache selbst umgeht, auch schon in den 70er-Jahren, nicht nur als Feministin. Man ist ja nicht nur Feministin, sondern man hat ja mehrere Persönlichkeiten.

aus: VALIE EXPORT / Stefanie Kaplan: Kunst als Überschreitung. In: Kaplan, Stefanie (Hg.): „Die Frau hat keinen Ort“. Elfriede Jelineks feministische Bezüge. Wien: Praesens Verlag 2012 (= DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE 9), S. 194-205, S. 198-200.

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Weiterführende Literatur (in Auswahl)

Bayerdörfer, Hans-Peter (Hg.): Stimmen – Klänge – Töne. Synergien im szenischen Spiel. Tübingen: Narr 2002.

Blödorn, Andreas / Langer; Daniela / Scheffel, Michael (Hg.): Stimme(n) im Text. Narratologische Positionsbestimmungen. Berlin: De Gruyter 2006.

Benthien, Claudia: Die „vanitas“ der Stimme. Verstummen und Schweigen in bildender Kunst, Literatur, Theater und Ritual. In: Kolesch, Doris / Krämer, Sybille (Hg.): Stimme. Annäherung an ein Phänomen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 237-268.

Dombois, Johanna: Master Voices: Opernstimmen im virtuellen Raum. Fidelio im 21. Jahrhundert. In: Kolesch, Doris / Pinto, Vito / Schrödl, Jenny (Hg.): Stimm-Welten. Philosophische, medientheoretische und ästhetische Perspektiven. Bielefeld: transcript Verlag 2009, S. 127-142.

Kolesch, Doris / Schrödl, Jenny (Hg.): Kunst-Stimmen. Bonn: Theater der Zeit: 2004 (= Recherchen 21).

Kolesch, Doris: Wer sehen will, muss hören. Stimmlichkeit und Visualität in der Gegenwartskunst. In: Kolesch, Doris / Krämer, Sybille (Hg.): Stimme. Annäherung an ein Phänomen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 40-64.

Martin, Jacqueline: Voice in modern theatre. London: Routledge 1991.

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Vito Pinto: Jelinek – Rois – Bruckmaier. Spuren der Stimme/n: eine Polyphonie

Vito Pinto, Lektor, Dramaturg und Dozent der Theaterwissenschaft an der FU Berlin, beschäftigt sich in seinem Beitrag Jelinek – Rois – Bruckmaier. Spuren der Stimme/n: eine Polyphonie mit Stimme(n) in der Hörspielfassung von Jelineks Roman Neid.

Die menschliche Stimme verfügt über eine ganz zentrale Eigenschaft: Indem sie er-klingt, ver-klingt sie auch zugleich, sie wird dem Körper des Sprechenden entwendet. Die Stimme kann daher als flüchtiges, fluides Phänomen bezeichnet werden, welches zugleich die An- bzw. Abwesenheit einer Sprecherin oder eines Sprechers markiert. Wir, die wir Stimmen rezipieren, nehmen die Stimme als eine Spur wahr: als Spur des Körpers der/des Sprechenden. Darüber spielt sie ihren besonderen Reiz aus, darüber affiziert sie den Hörenden immer schon, ob nun in angenehmer oder in abschreckender, in anziehender oder in abstoßender Weise: Und es ist uns noch nicht bewusst, was wir mit der Stimme, die sich uns scheinbar aufdrängt, assoziieren und verbinden. Entscheidend ist zunächst, dass die Stimme als akustisches Phänomen, als Spur des Körpers einer/eines Sprechenden erscheint, sich dem Rezipienten zeigt und ihn direkt anspricht. Wir werden jedoch auf bestimmte Stimmen besonders aufmerksam, können uns gewissermaßen ihrem Er-Klingen, ihrem Sound nicht entziehen. Diese Stimmen erzeugen, indem sie sich den Weg durch die Ohren in den Körper des Wahrnehmenden bahnen, eine nahezu magische Anziehungskraft: sie gehen den Hörenden konkret an, involvieren ihn.

Ein prägnantes Beispiel: Sophie Rois, etwa in der Radiofassung von Elfriede Jelineks Neid (BR 2011), verfügt über eine solche Stimme, der wir uns nicht entziehen können, die uns in besonderer Weise mitnimmt und affiziert. Doch das liegt nicht nur am spezifischen Klang, am Timbre, an der Intonation. Denn diese Stimme tritt in ein komplexes Verhältnis mit Jelineks Text sowie der technischen Realisierung durch Karl Bruckmaier. Es zeigt sich, dass es nicht nur darum geht, dass die Schauspielerin vermittels ihrer Stimme den Text der Autorin vorträgt, und dass wir entsprechend als Hörerende die Sprecherin als akustisches Medium wahrnehmen. Rois’ Stimme verkörpert vielmehr das Echo der literarischen Stimmen aus Jelineks wortgewaltigem „Privatroman“. Es zeigt sich im Verlauf des Hörstücks, dass es sich nicht um die eine Stimme handelt, sondern um die akustische Konkretisierung ganz unterschiedlicher Stimmen: um Spuren der literarischen Stimme/n Elfriede Jelineks, um Spuren der konkret erklingenden Stimme der Schauspielerin Sophie Rois, die unterschiedlichen Einfärbungen, Klangnuancen, das (Über-)Prononcieren der Sprache. Rois spricht zwar mit nur einer Stimme, ihrer Stimme. Doch erzählt diese Stimme mehr als nur die eine Geschichte; es sind unendlich viele Geschichten, die ihren Widerhall beim Hörenden, in dessen Assoziationen, Gedanken, Erinnerungen, Irritationen etc. finden.
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Doris Kolesch: Wer sehen will, muss hören

In ihrem Aufsatz Wer sehen will, muss hören. Stimmlichkeit und Visualität in der Gegenwartskunst, der in dem von ihr und Sybille Krämer herausgegebenen Band Stimme. Annäherung an ein Phänomen erschienen ist, widmet sich Doris Kolesch, Professorin für Theaterwissenschaft an der FU Berlin, dem Einsatz der Stimme in verschiedenen Kunstformen der Gegenwart. Am Beispiel einer Theaterinszenierung, einer Klangsituation und zweier Filme untersucht sie das Zusammenspiel von Stimmlichkeit und Visualität unter besonderer Berücksichtigung von drei Relationen: Stimme, Sprache und Schrift, Stimme und Erinnerung sowie Stimme und Imagination.

aus: Doris Kolesch: Wer sehen will, muss hören