EXPORT, Jelinek, Neuwirth: Die Künstlerin in der Gesellschaft

In ihrer Rede zur Eröffnung des Steirischen Herbst 2003 Alles ist möglich und tout est mort geht Neuwirth auf die Situation von Frauen und Künstlerinnen in Österreich ein:
Als Künstlerin und speziell als Vertreterin einer Kunstsparte, in der man von Anderen, von Ausführenden abhängig ist, kenne ich eine weitere Randsituation. Ich weiß, Sie denken nun, das ist ein Klischee. Meiner Meinung nach aber, hat sich im Verhalten Künstlerinnen gegenüber noch nicht viel geändert, speziell in Österreich. Abgesehen davon, daß man nach neuesten Studien weiß, daß Frauen schamloserweise immer noch um 40% weniger Bruttoeinkommen beziehen als Männer, herrscht in unserem Bereich weiterhin der unausrottbare Glaube, Genie sei männlich. Hinter unserem weiblichen Rücken wird daran festgehalten, daß Komponieren für Frauen eher ein unvorhergesehener geistiger Unfall sei, und daraus folgt, daß weibliche schöpferische Arbeit in der Musikwelt weiterhin nicht wirklich ernst genommen und die Frau im allgemeinen zu grossen [sic] Kunstschöpfungen nicht für fähig gehalten wird. Zitat eines mächtigen Musikveranstalters: „Wenn aus Ihnen nichts wird, können Sie noch immer heiraten und Kinder kriegen.“
aus: Olga Neuwirth: Alles ist möglich und tout est mort. http://www.olganeuwirth.com/fset1.html (13.3.2012) (=Olga Neuwirths Homepage)

Jelinek beteiligt sich mit ihrem Essay Rund, handlich, einfach zum Reinbeißen – so will man hierzulande Mozart an der kulturpolitischen Diskussion über die Situation von KünstlerInnen in Österreich. Sie geht dabei vor allem auf die prekäre finanzielle Lage von KünstlerInnen am Beispiel von Olga Neuwirth ein:
Die Komponistin kann nicht Opern zu schreiben beginnen, bevor sie eine feste Zusage (und natürlich einen Vorschuß) für ihre Arbeit hat. Wir sind hier nämlich nicht in La Bohème, in die die Opernbesucher strömen, vor allem, wenn ihre Lieblingsstars singen, wir sind hier leider im richtigen Leben, in dem sich Frauen große Werke am besten verkneifen (abschminken ist wahrscheinlich das passendere Wort) sollten.
aus: Elfriede Jelinek: Rund, handlich, einfach zum Reinbeißen – so will man hierzulande Mozart. In: Die Presse, 1.12.1995.

In einem Interview mit Felicitas Herrschaft, das 2012 im Internet veröffentlicht wurde, spricht VALIE EXPORT unter anderem über ihre Rezeption als Medienkünstlerin in Österreich:
VALIE EXPORT: Man muss schon sagen von Österreich weg aus dem österreichischen Kunstkontext heraus, international zu agieren, das braucht eine wahnsinnig große Anstrengungen [sic], weil einerseits in der damaligen Zeit die österreichische Kultur sich ja sowieso nicht um diese Arbeiten gekümmert hat, wenn man nur an die Siebziger Jahre denkt, wenn man das gesagt hat, ich bin Medienkünstlerin, dann hat jeder durchschnittliche Kulturmensch nur gelacht, weil er gar nicht wusste, was das überhaupt sein kann oder ist, weil man nur die traditionellen Kunstformen beachtet hat. Das war schon in Österreich bitter, weil die Arbeiten halt einfach negiert wurden. […] Also man konnte sich ja kaum Diskussionen stellen, weil die Arbeiten einfach negiert wurden. Ich bin dann aber schon sehr früh ins Ausland gegangen und hab dann natürlich meine Kontakte gehabt und meine Auseinandersetzungen, meine Filmvorführungen, meine Auftritte in den Siebziger Jahren. Ich war in London, in Amsterdam und in Brüssel, aber in Österreich war das eben ganz schwierig. Also es war schon in Österreich sehr schwer in dieser Zeit und dann noch von anderen Kuratoren außerhalb Österreichs, da wurde sich ja nicht viel damit beschäftigt. Man hätte eine unheimliche Aufbauarbeit leisten müssen und es hat ja viel weniger Galerien gegeben und die Museen haben trotzdem auch nur ihre traditionellen Ausstellungen gemacht, also es war ein schweres Brot.
aus: VALIE EXPORT / Felicitas Herrschaft: Gespräch mit Valie Export, April 2004. http://www.fehe.org/index.php?id=572 (13.3.2012)

Der Artikel Leben als Alien, der 2002 in der Zeitschrift EMMA erschienen ist, widmet sich Olga Neuwirths Werk und ihrem politischen Engagement. In Bezug auf ihre Situation als Komponistin im männlich dominierten Musikbetrieb wird Neuwirth zitiert:
Bei jedem neuen Auftrag wird mir wieder dieses Misstrauen und diese Angst entgegengebracht, dass ein neues Stück vielleicht peinlich wird oder ein Skandal – und das ist auf Dauer ein bisschen anstrengend und zermürbend. […] Jeder Komponist erlebt Höhen und Tiefen. Aber ich glaube, ich als Frau kann mir keinen Ausrutscher leisten. Dann wär’s aus.
aus: Olga Neuwirth / Wibke Bantelmann: Leben als Alien. http://www.emma.de/hefte/ausgaben-2002/septemberoktober-2002/olga-neuwirth/ (13.3.2012)

In einem Interview mit Andrea Schurian, das 2010 aus Anlass von EXPORTs 70. Geburtstag in der Tageszeitung Der Standard erschienen ist, spricht VALIE EXPORT unter anderem über ihre frühen Arbeiten, Kunst von Frauen und ihren Künstlernamen sowie über die Unterschiede in der Wahrnehmung ihrer Werke in Österreich und im Ausland.
VALIE EXPORT: Land-Art, Performances, Installationen, Expanded Cinema: Das waren damals völlig unbekannte Begriffe hierzulande. International gab es das natürlich bereits alles. Aber in Österreich gab es darüber null Reflexion. Außerdem habe ich mit Medien gearbeitet, die damals als nichtkünstlerisch gegolten und eine neue, eine performative Ästhetik erzeugt haben. Das konnte hier niemand einordnen. Und drittens war ich eine Frau mit einem dezidiert feministischen Standpunkt. Das hat die Rezeption in Österreich mehr oder minder unmöglich gemacht. Ich konnte meine Arbeiten zwar ziemlich schnell im Ausland zeigen. Aber der Satz, man müsse sich zuerst im Ausland bewähren, um in der Heimat anerkannt zu werden: den finde ich eine ziemliche Zumutung.
aus: VALIE EXPORT / Andrea Schurian: „Hinausgehen aus dem sicheren Hafen“. In: Der Standard, 15./16.05.2010.

In dem Interview Ernste Musik und Ende mit Reinhold Schulz 2001 spricht Olga Neuwirth über das Misstrauen, das ihr als Frau im Musikbetrieb entgegengebracht wird:
Olga Neuwirth: Aber lange Zeit war ich einfach der Kasperl in der „Szene“. Man glaubte nicht, dass ich das so wollte. Auch, dass man das einer Frau nicht zutraut. Immer sucht man nach neuen Genies – und dies bezieht sich immer auf männliche. Der Musikbetrieb ist einer der letzten, der absolut männlich bestimmt ist. Als Frau muss ich immer wieder aufs Neue beweisen, dass ich etwas kann.
aus: Olga Neuwirth / Reinhold Schulz: Ernste Musik und Ende [2001]. In: Drees, Stefan (Hg.): Olga Neuwirth zwischen den Stuehlen. Salzburg: Verlag Anton Pustet 2008, S. 148-153, S. 152.

In dem Interview Wir sind beide Vampire, das Jelinek und Neuwirth aus Anlass des Schwerpunkts Dichterin zu Gast ’98. Elfriede Jelinek bei den Salzburger Festspielen 1998 der Zeitschrift profil gaben, sprechen die beiden Künstlerinnen über den Stellenwert von zeitgenössischer Literatur und Musik bei den Salzburger Festspielen, ihre erste Begegnung beim 2. Jugendmusikfest Deutschlandsberg und über künstlerisch tätige Frauen in männlich dominierten Kunstbereichen ein:
Jelinek: Ja, wir sind beide Vampire. Vielleicht ist das Vampirische, das Aussaugen, die Methode, sich von überall das zu holen, was man brauchen kann, charakteristisch für weibliche Kunst.
Neuwirth: Transylvanien ist für mich auch ein Symbol für einen Ort, an dem man nicht so angreifbar ist, wo man nicht sofort in eine Schublade gesteckt werden kann.
Jelinek: Das ist für die weibliche Künstlerexistenz überhaupt paradigmatisch. Künsterlinnen sind nie ganz da und nie ganz weg, sie tauchen immer wieder auf. Vielleicht ist die Kunst von Frauen deshalb auch subversiver als die Kunst von Männern. Der Bereich der Frauen ist das Unterlaufen von Normen. Das liegt auch am Freiraum, den uns Männer unbewußt einräumen. Wenn einem nichts zugetraut wird, kann man auch alles machen.
aus: Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth im Gespräch mit der Zeitschrift profil : Wir sind beide Vampire. In: profil, 3.8.1998.

In dem Essay Weiberleiber, der 1988 in der Zeitschrift Neues Forum erschienen ist und ursprünglich den Titel Die Frau und das Reale: Das verdrängte Soziale trug, beschäftigt sich EXPORT mit der Kunst als einem männlich geprägten Bereich, den sich Frauen subversiv aneignen müssen, um sich selbst repräsentieren zu können:
Die Frau muß also die Kultur transformieren, wenn nicht sogar transgredieren, weil sie in der real existierenden, von Männern konstruierten Kultur in der Tat keinen Ort hat. Nur in der Kultur-Überschreitung, in der Kultur-Transgression kann die Frau zu sich kommen und Kunst bzw. ihr eigenes Bild produzieren.
aus: VALIE EXPORT: Weiberleiber. Zit. n.: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hg.): VALIE EXPORT. Mediale Anagramme. Berlin: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst 2003, S. 202-205, S. 205.

In ihrer Rede Sich vom Raum eine Spalte abschneiden zur Eröffnung der Retrospektive VALIE EXPORT Split:Reality im Museum Moderner Kunst (20er Haus) in Wien am 24. April 1997 geht Jelinek nicht nur auf VALIE EXPORTs Arbeiten, sondern auch auf die Kunst von Frauen im Allgemeinen ein:
Aber eigentlich gehörte dieses Werk, wie überhaupt die Werke von Frauen [...] in eine Art Untergrund, eben diesen klandestinen Strom, der sich träge meist, unter der herkömmlichen Geschichtsschreibung dahin wälzt. […] Diesem Halbdunkel, in dem sich das Werk von Frauen auf der Ebene des Symbolischen aufhält, bis es, selten, für eine kurze Zeit an die Oberfläche treten darf, bevor es wieder zu verschwinden hat, werden wir dennoch immer mehr Raum widmen müssen.
aus: Elfriede Jelinek: Sich vom Raum eine Spalte abschneiden. Zu den Video-Installationen VALIE EXPORTS. http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvalie-1.htm (1.3.2012) (= Elfriede Jelineks Homepage)

In dem Essay Das Maßnehmen und die Maßnahmen, den Jelinek für die von Margarete Lamb-Faffelberger herausgegebene Festschrift zu VALIE EXPORTs 70. Geburtstag verfasste, geht Jelinek auf VALIE EXPORTs Arbeit als Werk einer Frau, die sich männlich besetztes Territorium aneignet, ein.
Die Wirklichkeit ist anders, als Sie gedacht hätten, das sagt die Künstlerin, und sie sagt es denen, die das ohnehin gewußt hätten wie denen, die davon keine Ahnung hatten, aber sie sagt es mit sich selbst, die eben sich als diese Wirklichkeit schafft, damit es keine andere mehr außerhalb geben kann. Die falsche Wirklichkeit, in der Frauen schaffen können, und zwar etwas anderes als ein Kind, die Wirklichkeit, die es nicht gibt, die entsteht da plötzlich durch die Kunst einer Frau.
aus: Elfriede Jelinek: Das Maßnehmen und die Maßnahmen. In: Lamb-Faffelberger,

Margarete (Hg.): Staging EXPORT: VALIE zu Ehren. New York: Peter Lang 2010, S. 7-16, S. 13-14.

Die Schöpfung (2010)

Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth

Der Film Die Schöpfung entstand für die Lange Nacht der Kirchen 2010 und wurde im Rahmen des Schwerpunktes Himmel und Haydn in der Pfarre Eisenstadt Oberberg am 28.5.2010 uraufgeführt. Der Film arbeitet mit Klang/Bild-Montagen und setzt sich ironisch mit der Genesis, aber auch mit dem Thema der weiblichen Schöpfung auseinander. Jelinek steuerte für den Film den Text Mit der Zeit… bei, der bislang nicht veröffentlicht wurde. Der Film zeigt den künstlerischen Schaffungsprozess als Schöpfungsakt. Jelinek und Neuwirth, die von Gott geschaffen wurden, werden beim Schreiben und Komponieren gezeigt. Die Künstlerinnen stehen für Wort und Musik und deren Verbindungsmöglichkeit. Am Ende wird ihr Werk von Gott zerstört, der die Frage äußert: „Das sind die Zeugungen des Himmels und der Erde?“
Komposition und Video stammen von Olga Neuwirth, Elfriede Jelinek und Erwin Steinhauer sprechen den von Jelinek verfassten Text. Der Film ist unter folgendem Link abrufbar: http://blip.tv/lillevan-/die-schoepfung-the-creation-3905054

Susanne Hochreiter: “Provokationen”

Susanne Hochreiter ist Universitätsassistentin am Institut für Germanistik der Universität Wien im Arbeitsbereich Neuere deutsche Literatur. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Literatur von Frauen, feministische Theorie, Gender Studies und Queer Studies. In ihrem Statement geht sie auf den Begriff der “Provokation” ein, der immer auch ein Werturteil ist:

Was an der Arbeit von VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek oder Olga Neuwirth  provoziert?
Jene, die sich provoziert fühlen, haben eine Vielzahl an Erwartungen und Vorannahmen bezüglich der Welt und der Kunst: Sie gehen davon aus, dass Kunst und Literatur das ist, was ihnen gefällt. Sie gehen davon aus, dass Künste generell „schön“ sind. Und zudem nichts mit Macht, Hierarchien, Unterdrückung und Ökonomie zu tun haben. Sie nehmen an, dass nur der Mann schöpferisch und kreativ ist und etwas überhaupt und etwas Wichtiges im Besonderen zu sagen hat. Wenn Frauen etwas sagen oder machen, dann ist das stets zweifelhaft und fragwürdig. Das denken auch Frauen, die dann ihrem Urteil durchaus trauen. Und so lesen wir in Rezensionen und Kritiken unausgesetzt von zweifelhaften Künstlerinnen und ihren fragwürdigen Werken. Elfriede Jelinek heißt dann in der chauvinistischen Anmaßung des Welturteils „unsere Radikalfeministin“ oder „Biederfrau der österreichischen Literatur“. Wenn’s gut geht, ist eine Musikerin wie Olga Neuwirth „talentiert“ oder „begabt“. Meist ist die internationale Anerkennung daran „schuld“, dass die vielfältig diffamierten feministischen Künstlerinnen überhaupt zur Kenntnis genommen werden – VALIE EXPORT hat dies ebenso erfahren.
„Provokation“ bedeutet: Herausforderung und Infragestellung von (sozialen) Normen und ist in den meisten Fällen keine ästhetische, sondern eine moralische Kategorie. „Provokation“ ist ein Werturteil jener, die sich provoziert fühlen und fast immer abwertend gebraucht.
Die Provokation liegt kaum im Werk selbst, sondern für jene, die sich provoziert fühlen, im Umstand begründet, dass eine Frau vernehmlich linke, feministische, emanzipatorische Kritik übt: In Österreich eine „Provokation“ per se. Und erst recht, wenn „sie“ sich nicht entschuldigt, nicht klein macht, nicht leise spricht, sondern eine Stimme von Gewicht hat.

Gerold W. Gruber: Intermedialität in der Musik Olga Neuwirths

Gerold W. Gruber, ao. Univ.-Prof. an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, befasst sich in seinem Aufsatz Intermedialität in der Musik Olga Neuwirths, insbesondere der Jelinek Vertonungen, der 2007 in dem von Pia Janke herausgegebenen Band „Ich will kein Theater“. Mediale Überschreitungen erscheinen ist, mit Werken Olga Neuwirths, die auf der Grundlage von Texten von Elfriede Jelinek entstanden sind.

Im O-Ton der unbeugsamen Komponistin Olga Neuwirth aus einem Text über Elfi und Andi:
“Eigentlich interessiert mich im Umgang mit den Texten das Wissen, daß wir Komponisten, grob gesagt, Usurpatoren im Land der Literaten sind. Dennoch, so glaube ich, kann durch ein Text-Musikgewebe etwas Neues, Eigenes entstehen, auch wenn Sprache und ihre immanenten Strukturen nicht mehr wirklich zu verstehen sind. Wir können diesen Texten aber in einer virtuellen Neuschaffung und musikalischen Überhöhung – also einer neuen Aura, die Vielfalt, Musikalität, Komplexität und Schärfe des jeweiligen Dichters zurückgeben, oder?”1)
In dieser rhetorischen Frage „oder?“ baut Neuwirth gleichsam ihre Rechtfertigung auf: wenn die Strukturen der Sprache bloßgelegt werden, dann erhebt sich der Anspruch der Musik, diese (die Sprache) wieder neu zu errichten; wenn die Semantik durch Textunverständlichkeit unterlaufen wird, dann sollte zumindest die Musik um die auseinanderdriftende und in Auflösung befindliche Komplexität wieder einen neuen, jetzt aber mehrdimensionalen Korpus entstehen lassen, der dieses Fehlen an Semantik und das Zerbrechen der Syntax einigermaßen kompensieren kann. Am deutlichsten wird diese „usurpatorische“ Anstrengung in dem nur durch elektronische Verzerrung erreichbaren „voice-morphing“. Die menschliche Stimme wird im Frequenzspektrum moduliert, sodass ungewöhnliche scharfe oder weiche Klangnuancen hörbar werden. Nach der Komponistin Wunsch verwandelt sich die Singstimme in einen heulenden Wolf und überzeichnet den Ausdruck der menschlichen Singstimme als eine „zum Heulen“ geeignete. Überdies kann das „voice-morphing“ die menschliche Singstimme vollständig ihrer Menschlichkeit und Tierhaftigkeit entkleiden und zur Instrumentalstimme degradieren – ein Akt der Entleibung gewissermaßen. Als eine analoge Form des digitalen „morphing“ setzt Neuwirth die beinahe kastratenhaft wirkende Stimmlage eines Countertenors ein, dessen androgyne Anlage Neuwirth besonders interessiert (ihr Interesse an dem androgynen Popbarden Klaus Nomi hat sie ja auch bereits in einer Komposition bekundet). Kraft ihrer profunden und virtuosen Kenntnis der Kompositionstechniken vermag Olga Neuwirth dem Text-Musik-Konstrukt darüber hinaus noch skurrile, groteske und satirische Facetten abzugewinnen.

1) Neuwirth Olga: Notizen während der Arbeit zu „Elfi und Andi“. In: Programmbuch der Wittener Tage für neue Kammermusik 1997, S. 68-69, S. 68.

aus: Gerold W. Gruber: Intermedialität in der Musik Olga Neuwirths, insbesondere der Jelinek Vertonungen. In: Pia Janke (Hg.): „Ich will kein Theater“. Mediale Überschreitungen. Wien: Praesens Verlag 2007, S. 401-409, S. 403-404.

Karin Hochradl: Stimme, Klang und intermediales Arbeiten bei Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth

Die Germanistin und Musikwissenschaftlerin Karin Hochradl befasst sich in ihrem Beitrag mit der Erzeugung und Verfremdung von Stimmen und Klängen in den intermedialen Zusammenarbeiten von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek.

Karin Hochradl: Eine Annäherung an den Einsatz von Stimme, Klang und intermedialem Arbeiten bei Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth

 

Stefan Drees: „… in einer virtuellen Neuerschaffung und musikalischen Überhöhung“ Olga Neuwirths Umgang mit Text und Sprache Elfriede Jelineks

Stefan Drees, Musikwissenschaftler, freier Autor und Dozent, widmet sich in seinem Vortrag „… in einer virtuellen Neuerschaffung und musikalischen Überhöhung“ Olga Neuwirths Umgang mit Text und Sprache Elfriede Jelineks, der im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!) VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 20.3.2012 gehalten wurde, mit Olga Neuwirths Bearbeitungen von Elfriede Jelineks Texten. In dem ausgewählten Ausschnit beschäftigt er sich mit dem Musiktheater Bählamms Fest, zu dem Elfriede Jelinek nach der Vorlage von Leonora Carringtons Theaterstück Baa-Lambs Holiday (1940) das Libretto verfasste und Olga Neuwirth die Musik komponierte.

Petra Unger: Wortgewalt – Bildgewalt – Tongewalt

Petra Unger, Kulturvermittlerin und Referentin für feministische Bildung und Politik, widmet sich in ihrem Videostatement dem Sprechen in den verschiedenen Kunstformen und Medien, derer sich VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth in ihren Arbeiten bedienen, und ihren subversiven Strategien, mit denen die drei Künstlerinnen der gesellschaftlichen Gewalt gegen Frauen entgegenwirken:

Petra Maria Meyer: Reibungen oder Das Widersprüchliche an sich selbst

Petra Maria Meyer, Professorin am Institut für Kunst-, Design- und Medienwissenschaften der Muthesius Kunsthochschule, beschäftigt sich in ihrem Vortrag Reibungen oder Das Widersprüchliche an sich selbst, der im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!) VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 15.3.2012 gehalten wurde, mit den intermedialen Transformationsprozessen in den Werken der Künstlerinnen am Beispiel von Elfriede Jelineks Hörspiel Für den Funk dramatisierte Ballade von drei wichtigen Männern sowie dem Personenkreis um sie herum, das Olga Neuwirth zur Oper Körperliche Veränderungen verarbeitete, sowie VALIE EXPORTs Performancefilm I turn over the pictures of my voice in my head und den dazu verfassten Essay Ungeduldetes, ungeduldiges Sichverschließen (ach, Stimme!) von Elfriede Jelinek.

Todesraten (1997)

Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth

Das Hörstück Todesraten ging aus Neuwirths Komposition Elfi und Andi hervor, für die Jelinek zwei Monologe verfasste. Zwei reale Fälle bilden die Grundlage der beiden Monologe: der Fall der „Schwarzen Witwe“ Elfriede Blauensteiner, die 1997 für den Mord an ihrem letzten Lebensgefährten und 2001 für den Mord an einer Nachbarin und einem früheren Lebensgefährten zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, und der Fall des Bodybuilders Andreas Münzer, der 1996 an den Folgen massiven Dopings, insbesondere durch Anabolika, starb. Jelineks Monologe wurden in weiterer Folge Teil ihres Theatertextes Ein Sportstück (1998). Mit dem Titel Todesraten wird auf Ingeborg Bachmanns Sprachspiel „Todesarten – Todesraten“ in ihrem Roman Malina Bezug genommen. Weiterlesen

Körperliche Veränderungen (1991)

Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth

Als Textgrundlage für Olga Neuwirths Oper diente Elfriede Jelineks 1974 produziertes Hörspiel Für den Funk dramatisierte Ballade von drei wichtigen Männern sowie dem Personenkreis um sie herum. Jelinek stellt darin traditionelle Rollenbilder aus, die im Verlauf des Hörspiels demontiert werden, bis schließlich Männer und Frauen ihre Stimmen und  Rollen tauschen.
Elfriede Jelinek geht in ihrem Vorspruch zum Hörspiel auf die traditionellen Geschlechterrollen ein: Weiterlesen

Robert der Teufel (1985)

Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth

Robert der Teufel entstand im Rahmen des von Hans Werner Henze geleiteten 2. Jugendmusikfestes Deutschlandsberg (steirischer herbst 1985). Die Oper wurde unter Anleitung von Gerd Kühr und Stefan Hakenberg gemeinsam mit Deutschlandsberger Jugendlichen erarbeitet, darunter auch Olga Neuwirth, die das Lied Roberts Ich hab’s satt, die Tänze von Wassermann, Scharbock und Haberngoaß und das Lied der Prinzessin Jetzt hat die Liebe mich endlich getroffen komponierte. Elfriede Jelinek verfasste das Libretto. In der Oper wird die Verbindung von Sprechen und Handeln bzw. Schweigen und Passiv-Sein thematisiert. In der Libretto-Vorlage, der steirischen Sage Robert, der Teufel, wird Robert als „überaus stark und unbändig“1) beschrieben, während die Prinzessin als stumm charakterisiert wird. Robert ist in der Sage der Handelnde, die Prinzessin beobachtet seine Handlungen aus der Ferne. Am Ende der Erzählung bricht sie ihr Schweigen aus Liebe zu Robert.
Jelinek präsentiert mit ihrem Libretto eine Lesart, die das Schweigen der Prinzessin umdeutet zur aktiven Handlung. Das Schweigen ist in der Oper kein Zeichen für Passivität, sondern es ist ein bewusster Akt, der die Prinzessin zur handlungsbestimmenden Figur macht.

1) Robert, der Teufel. In: Kainz, Walter (Hg.): Weststeirische Sagen. Graz: Verlag für Sammler 1974, S. 134-137, S. 134. Weiterlesen

Weiterführende Literatur: Sekundärliteratur (in Auswahl)

Ballhausen, Thomas: Von Büchern und Bestien. Vampirismus und Lykanthropie in Leonora Carringtons „Das Fest des Lammes“ und Elfriede Jelineks „Bählamms Fest“. In: Quarber Merkur 91/92 (2000), S. 69-80.

Bartens, Daniela / Pechmann, Paul (Hg.): Elfriede Jelinek –  Die internationale Rezeption. Graz: Droschl 1997 (= Dossier extra).

Basting, Barbara: Drastische Töne. Die Komponistin Olga Neuwirth und ihre Zusammenarbeit mit Elfriede Jelinek – unerhörte masochistische Sprache. In: Elfriede Jelinek. Schreiben. Fremd bleiben. du 700 (1999), S. 22-25.

Drees, Stefan (Hg.): Olga Neuwirth. Zwischen den Stuehlen. Salzburg: Verlag Anton Pustet 2008.

Drees, Stefan: Vom Film zum Musiktheater. In: booklet zur CD Olga Neuwirth: Lost Highway. KAIROS, 2007.

Grimmer, Alexandra: Une parenté intellectuelle du premier degré – La collaboration d’Olga Neuwirth et d’Elfriede Jelinek, vue au travers des commentaires des deux artistes. In: Austriaca. Cahiers Universitaires d’Information sur l’Autriche 59 (2004), S. 171-188.

Gruber, Gerold W.: Das Zerbrechen der Sprache. Über die Literatur-Vertonungen der Wiener Komponistin Olga Neuwirth. In: wespennest 114 (1999), S. 68-77.

Gruber, Gerold W.: Leonora Carrington und Olga Neuwirth. In: Österreichische Musikzeitschrift 5 / 1999, S. 11-17.

Weiterlesen

Weiterführende Literatur: Interviews (in Auswahl)

Baier, Christian / Neuwirth, Olga: Der Mensch bleibt eine Ratte. In: Österreichische Musikzeitschrift 5/1991, S. 236-238.

Burger-Utzer, Brigitta / Szely, Sylvia / EXPORT, VALIE: „In der Erweiterung liegt die Möglichkeit zur Veränderung“. In: Szely, Sylvia (Hg.): EXPORT LEXIKON. Chronologie der bewegten Bilder bei VALIE EXPORT. Wien: Sonderzahl 2007, S. 201-228.

Eifler, Margret / Lamb-Faffelberger, Margarete / EXPORT, VALIE: Interview mit Valie Export, am 26. April 1990. In: Lamb-Faffelberger, Margarete: Valie Export und Elfriede Jelinek im Spiegel der Presse. Zur Rezeption der feministischen Avantgarde Österreichs. New York: Lang 1992 (= Austrian culture 7), S. 167-183.

Fastner, Carsten / Neuwirth, Olga: Bin ich ein Dodel? In: Falter 24/1999.

Grissemann, Stefan / Zintzen, Christiane / Jelinek, Elfriede: „…dass dieser Film auch eine Rettung meiner Person ist“. In: Grissemann, Stefan (Hg.): Haneke / Jelinek: Die Klavierspielerin. Drehbuch, Gespräche, Essays. Wien: Sonderzahl 2001, S. 119-136.

Grünzweig, Werner / Jelinek, Elfriede: Elfriede Jelinek: „Kommunaloper“ für Deutschlandsbergs Jungend. In: Neue Zeit, 10.10.1985.

Hirschmann, Christoph / Jelinek, Elfriede: Die Nestbeschmutzerin. In: Format, 31.10.2003.

Hütter, Frido / Jelinek, Elfriede: Ich schulde so vielen so vieles. In: Kleine Zeitung, 10.10.2004.

Janke, Pia / Neuwirth, Olga: Spiel mit Formen und Bedeutungsebenen. Olga Neuwirth (Wien) im Gespräch mit Pia Janke. In: Janke, Pia (Hg.): Elfriede Jelinek: „Ich will kein Theater“. Mediale Überschreitungen. Wien: Praesens Verlag 2007, S. 410-422.

Weiterlesen

Pia Janke, Olga Neuwirth: Die Arbeit mit Intertexten und Zitaten

Olga Neuwirth äußert sich im Gespräch Spiel mit Formen und Bedeutungsebenen mit Pia Janke, das im Rahmen des vom Elfriede Jelinek-Forschungszentrum veranstalteten Symposiums Elfriede Jelinek: ICH WILL KEIN THEATER. Mediale Überschreitungen (2006) geführt wurde, über den Umgang mit Intertexten und Zitaten, der sie mit Jelinek verbindet:

Pia Janke: Kann man Ihre und Jelineks Verfahren miteinander vergleichen? Jelinek arbeitet ja mit vielen Intertexten, mit Verweisen, mit Zitaten, die in neue Kontexte gestellt und klanglich weitergetrieben werden. Gibt es in ihrer Musik ein ähnliches Verfahren?
Olga Neuwirth:
Ich spiele auch gern mit Illusionen und Allusionen, eher im Musiktheater, wo der Text eine bestimmte Aussage hat. Da nehme ich gern Topoi auf, an denen ich mich sozusagen abarbeite. Das ist auch oft bei Jelinek der Fall. Aber die Logik der Musik ist eine andere als die der Literatur. Man kann das nicht vergleichen. Es gibt jedoch bei beiden von uns die Idee, dass man eine Bedeutungsebene, einen Topos, den jeder kennt, in Frage stellt, indem man an ihm kratzt und scheuert oder mit ihm etwas aufzeigt oder auf andere Subebenen hinweist. Das ist ein anregendes Spiel für uns – im Prozess selbst auch –, nicht um aus Prinzip zu irritieren und zu provozieren. Es hat auch mit Technik zu tun.

aus: Pia Janke / Olga Neuwirth: Spiel mit Formen und Bedeutungsebenen. Olga Neuwirth (Wien) im Gespräch mit Pia Janke. In: Janke, Pia (Hg.): Elfriede Jelinek: „Ich will kein Theater“. Mediale Überschreitungen. Wien: Praesens Verlag 2007, S. 410-422, S. 411.

Pia Janke: Ironisches Aufbrechen festgefahrener Strukturen

Pia Janke, ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien und Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums, befasst sich in ihrem Aufsatz Ver-rückte Blicke auf die Wirklichkeit. Elfriede Jelineks Texte zu Olga Neuwirths Hörstücken und Opern (2000) mit gemeinsamen Arbeiten von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth:

Die Auseinandersetzung mit Elfriede Jelinek nimmt einen ganz speziellen Stellenwert im Schaffen Olga Neuwirths ein. Ist eine größere Öffentlichkeit durch die Uraufführung von Bählamms Fest bei den Wiener Festwochen 1999 – einer Oper Neuwirths, für die Jelinek das Libretto verfasste – auf diese Auseinandersetzung aufmerksam geworden, so ist immer noch wenig bekannt, dass bereits davor mehrere Kompositionen Neuwirths entstanden sind, die auf Texten von Elfriede Jelinek beruhen. Auch die Jelinek-Forschung weiß von diesen Werken kaum etwas – von Werken, denen immerhin Texte wie Raststätte oder Ein Sportstück zugrunde liegen. Ist es mittlerweile zu einem Stereotyp der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Elfriede Jelinek geworden, die quasi-musikalischen Verfahren ihrer Texte hervorzuheben, die „kontrapunktisch“ organisierten Gewebe ideologiehaltiger Sprachpartikel als Sprechpartituren zu klassifizieren, so fehlt bis jetzt jegliche Untersuchung nicht nur des Umgangs der Komponistin Olga Neuwirth mit diesen Texten, sondern auch der spezifischen Übereinstimmungen und Differenzen der ästhetischen Verfahren der beiden Künstlerinnen. Olga Neuwirth selbst hat wiederholt auf Analogien vor allem im Umgang mit dem vorgegebenen Material hingewiesen, so auf Jelineks Art, „ganz anders mit der Umgangssprache umzugehen, um eine künstliche Sprache zu schaffen, oder Klischees aus der Alltagswelt zu verwenden, um sie ironisch zu verzerren und zu persiflieren.“1) Es ist also nicht nur die „Musikalität ihrer Sprache“2), die Neuwirth an Jelinek fasziniert, sondern auch das Aufgreifen von Floskeln und Schablonen, die, indem sie bearbeitet, fragmentiert, isoliert, verformt, deformiert, persifliert, ironisch verfremdet werden, ein neues, ungewohntes Assoziationspotenzial freisetzen bzw. in ihrer ideologischen Substanz zur Kenntlichkeit entstellt werden. Im ironischen Aufbrechen festgefahrener Strukturen besteht eine wesentliche Übereinstimmung des literarischen und des kompositorischen Anliegens von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth.

1) Reinhard Kager: „Ausgefranste Ränder, stiebende Partikelchen“. Gespräch mit Olga Neuwirth. In: Programmbuch Zeitfluß, Salzburger Festspiele 1995, S. 65.
2) „Der Mensch ist eine Ratte“. Christian Baier im Gespräch mit Olga Neuwirth. In: ÖMZ 5/1991, S. 236-238, S. 238.

aus: Pia Janke: Ver-rückte Blicke auf die Wirklichkeit. Elfriede Jelineks Texte zu Olga Neuwirths Hörstücken und Opern. In: wespennest 118 (2000), 94-102, S. 94-95.

Gespräch: Sprechen – Macht – Gewalt

Das Gespräch Sprechen – Macht – Gewalt, das im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!). VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 22.3.2012 geführt wurde und das den Abschluss des Symposiums bildete, beschäftigt sich nochmals mit zentralen  Fragestellungen des Symposiums, die in den Vorträgen und Gesprächen thematisiert wurden, und mit den Fragen, wie VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth die Aspekte Sprechen, Macht, Gewalt in ihren Werken aufgreifen, wie diese Aspekte miteinander verbunden sind, sowie welche Funktion das Sprechen der Frau/der Künstlerin für die 3 Künstlerinnen hat. Ist es eine Form der Selbstermächtigung? Ist es ein Mittel, um männlich geprägte Normen zu unterlaufen?
Am Gespräch nahmen Sabeth Buchmann (Kunsthistorikerin und -kritikerin, Professorin für Kunstgeschichte der Moderne und Nachmoderne an der Akademie der Bildenden Künste in Wien), Stefan Drees (Musikwissenschaftler, freier Dozent und Autor) und Gerhard Scheit (freier Autor und Publizist) teil. Moderiert wurde das Gespräch von Teresa Kovacs.

Sigrid Schmid-Bortenschlager: Stimm-mächtig. Kunst von Frauen – noch immer eine Provokation?

In ihrem Vortrag Stimm-mächtig. Kunst von Frauen – noch immer eine Provokation?, der im Rahmen des Symposiums “(ach, Stimme!)” am 13.3.2012 gehalten wurde, beschäftigt sich die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Schmid-Bortenschlager mit der gesellschaftlichen Anerkennung der drei avantgardistischen Künstlerinnen.

Helga Utz: Für alle Ewigkeiten Küssenmüssen

Die Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin Helga Utz beschäftigt sich in ihrem Aufsatz Für alle Ewigkeiten Küssenmüssen mit Olga Neuwirths Komposition Der Tod und das Mädchen II, die auf der Grundlage von Elfriede Jelineks gleichnamigem Theatertext, dem zweiten Teil der “Prinzessinnendramen”, entstanden ist.

Die Komponistin und die Schriftstellerin verbindet seit 1990 eine intensive und fruchtbare Zusammenarbeit, in der sie sich ideal ergänzen: „Über die Wörter hinaus sagt die Musik vielleicht das Unsagbare, die fließende Verzauberung, die Klischee und Ironisierung nicht ausspart, sie kehrt zurück wie die Erinnerung, sie verlässt uns nicht. Sie fügt sich in die Sprache ein, und man spürt ihre ständige Anwesenheit von der Distanz zur Stimme bis zur Übermalung der Stimme, wobei ich auf trashige Science-Fiction-Klänge nicht verzichten wollte, da für mich das ‚Märchen‘ an einem Unort stattfindet.“ (Olga Neuwirth)
In Der Tod und das Mädchen II verschlingen sich Sprache und Musik zu widerständigen akustischen Räumen, in denen keine Position festgelegt wirkt. Computerklänge und gespenstische geräuschhafte Abläufe herrschen vor und lassen die Welt als Artefakt erscheinen. Auch die Stimmen – es sprechen Anne Bennent und Hanna Schygulla, dazu kommt eine von Gottfried von Hüngsberg generierte Computerstimme – wirken distanziert. Die Sprache liegt wie in einem klanglichen Glassarg, umgeben von Künstlichkeit und Kälte. Doch unvermittelt blitzen vertraute Signale auf, verzerrte Reminiszenzen eines Streichquartetts oder einer Flöte, unvermutet wirkt eine sprachliche Wendung persönlich, und im Hörer steigen mit Macht Assoziationen auf, so wie ein Duft Erinnerungen beschwört, denen wir nicht ausweichen können. Es entsteht ein Sog, der uns in die Geschichte zieht, der Herz und Hirn in Bewegung setzt.
Neuwirth nähert sich der Sprache wie ein Maler der Farbe: Zu Zeiten wird sie unvermischt und klar aufgetragen, dann wieder in den Hintergrund gedrängt, als Aquarell verschwimmend. Nicht immer ist der Text klar verständlich; er erscheint auf verschiedenen Ebenen, als Transportmittel für das Gesagtwerdenwollende, als akustisches Material, als Emotionsvehikel, als Meißel für die dramatische Zuspitzung. Die Figuren sind zugleich real, irreal und surreal.
Weiterlesen

Gerhard Scheit: Wer lacht? Inversionen der Komik und die Wiederkehr der verdrängten Gewalt bei EXPORT, Jelinek, Neuwirth

Gerhard Scheit, freier Autor und Publizist, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik, Philosophie und Musik in Wien und Berlin. In seinem Vortrag Wer lacht? Inversionen der Komik und die Wiederkehr der verdrängten Gewalt bei EXPORT, Jelinek, Neuwirth, der im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!). VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH, der am 22.3.2012 gehalten wurde, beschäftigt er sich mit dem Lachen als subversive Strategie am Beispiel von Elfriede Jelineks Theatertext Raststätte oder Sie machens alle. Er bezieht sich dabei v.a. auf Theorien von Adorno, Bergson und Bachtin.

ELFRIEDE JELINEK – OLGA NEUWIRTH

Neuwirth über Jelinek
Neuwirth geht in ihrem Text Über die Faszination der Texte Elfriede Jelineks für eine/n Komponistin/en und über die Schwierigkeiten einer Realisierung von Partituren mit Texten Elfriede Jelineks, der in dem von Daniela Bartens und Paul Pechmann herausgegebenen Band Elfriede Jelinek – Die internationale Rezeption (1997) erschienen ist, auf die Zusammenarbeit mit Jelinek, auf einzelne gemeinsame Arbeiten sowie auf gemeinsame thematische und ästhetische Ansätze ein und beschreibt, was sie an Jelineks Sprache fasziniert:

Was mich an Elfriede Jelineks Texten immer schon fasziniert hat, um es nur kurz anzureißen, denn ich möchte mir keinen Kommentar zu ihrer Sprache anmaßen, ist: der distanzierte Blick ohne Mitleid auf Menschen und Dinge, die Schärfe der Sprache, der entlarvende Einsatz von sprachlichen Zitaten aus der Alltagswelt sowie die ironische Kälte und der böse Blick des Satirikers, der wie ein Wissenschaftler die Umgebung beobachtet.

aus: Olga Neuwirth: Über die Faszination der Texte Elfriede Jelineks für eine/n Komponistin/en und über die Schwierigkeiten einer Realisierung von Partituren mit Texten Elfriede Jelineks. In: Bartens, Daniela / Pechmann, Paul (Hg.): Elfriede Jelinek – Die internationale Rezeption. Graz: Droschl 1997 (= Dossier extra), S. 220-224, S. 220.

Jelinek über Neuwirth
Jelinek und Neuwirth sprechen im gemeinsamen Interview „Wir sind beide Vampire“, das aus Anlass des Neuwirth-Schwerpunkts bei den Salzburger Festspielen im August 1998 in der Zeitschrift profil erschien, über die Stellung der Kunst von Frauen in der Gesellschaft. Beide betonen die schlechte Situation für Komponistinnen und reflektieren über ihre Zusammenarbeiten und ähnliche Verfahrensweisen:

profil: Ein Kritiker hat Neuwirths ironische Haltung einmal als „transsylvanisches Lächeln“ beschrieben.
Jelinek:
Ja, wir sind beide eher Vampire als Vamps. Vielleicht ist das Vampirische, das Aussaugen, die Methode, sich von überall das zu holen, was man brauchen kann, charakteristisch für weibliche Kunst.

aus: Elfriede Jelinek / Olga Neuwirth / Wolfgang Reiter: „Wir sind beide Vampire“. In: profil, 2.8.1998.

Weiterlesen

Chronologie der Zusammenarbeiten

VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth verfolgen nicht nur vergleichbare thematische und ästhetische Ansätze, sondern es gab auch wiederholt gemeinsame Arbeiten sowie gegenseitige Bezugnahmen in Essays und Interviews. Die folgende Zusammenstellung gibt einen Überblick über diese Werke und Texte:

Chronologie der Zusammenarbeiten

Jenny Schrödl: Schreien – Sprechen – Schweigen. Stimmlichkeit und Weiblichkeit bei EXPORT.JELINEK.NEUWIRTH

Die Theaterwissenschaftlerin Jenny Schrödl befasst sich in ihrem Vortrag Schreien – Sprechen – Schweigen. Stimmlichkeit und Weiblichkeit bei EXPORT.JELINEK.NEUWIRTH, der im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!) VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 20.3.2012 gehalten wurde, mit dem weiblichen Schöpfertum mit und ohne Stimme, mit weiblichen Stimmen als Konstruktion, mit vokalen Grenzverwischungen zwischen den Geschlechtern und mit dem Entzug der weiblichen Stimme anhand von Olga Neuwirths und Elfriede Jelineks Film Die Schöpfung, VALIE EXPORTs Performancefilm I turn over the pictures of my voice in my head und dem dazu von Jelinek verfassten Essay Ungeduldetes, ungeduldiges Sichverschließen (ach, Stimme!) sowie Jelineks Hörspiel Für den Funk dramatisierte Ballade von drei wichtigen Männern sowie dem Personenkreis um sie herum.