Susanne Hochreiter: “Provokationen”

Susanne Hochreiter ist Universitätsassistentin am Institut für Germanistik der Universität Wien im Arbeitsbereich Neuere deutsche Literatur. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Literatur von Frauen, feministische Theorie, Gender Studies und Queer Studies. In ihrem Statement geht sie auf den Begriff der “Provokation” ein, der immer auch ein Werturteil ist:

Was an der Arbeit von VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek oder Olga Neuwirth  provoziert?
Jene, die sich provoziert fühlen, haben eine Vielzahl an Erwartungen und Vorannahmen bezüglich der Welt und der Kunst: Sie gehen davon aus, dass Kunst und Literatur das ist, was ihnen gefällt. Sie gehen davon aus, dass Künste generell „schön“ sind. Und zudem nichts mit Macht, Hierarchien, Unterdrückung und Ökonomie zu tun haben. Sie nehmen an, dass nur der Mann schöpferisch und kreativ ist und etwas überhaupt und etwas Wichtiges im Besonderen zu sagen hat. Wenn Frauen etwas sagen oder machen, dann ist das stets zweifelhaft und fragwürdig. Das denken auch Frauen, die dann ihrem Urteil durchaus trauen. Und so lesen wir in Rezensionen und Kritiken unausgesetzt von zweifelhaften Künstlerinnen und ihren fragwürdigen Werken. Elfriede Jelinek heißt dann in der chauvinistischen Anmaßung des Welturteils „unsere Radikalfeministin“ oder „Biederfrau der österreichischen Literatur“. Wenn’s gut geht, ist eine Musikerin wie Olga Neuwirth „talentiert“ oder „begabt“. Meist ist die internationale Anerkennung daran „schuld“, dass die vielfältig diffamierten feministischen Künstlerinnen überhaupt zur Kenntnis genommen werden – VALIE EXPORT hat dies ebenso erfahren.
„Provokation“ bedeutet: Herausforderung und Infragestellung von (sozialen) Normen und ist in den meisten Fällen keine ästhetische, sondern eine moralische Kategorie. „Provokation“ ist ein Werturteil jener, die sich provoziert fühlen und fast immer abwertend gebraucht.
Die Provokation liegt kaum im Werk selbst, sondern für jene, die sich provoziert fühlen, im Umstand begründet, dass eine Frau vernehmlich linke, feministische, emanzipatorische Kritik übt: In Österreich eine „Provokation“ per se. Und erst recht, wenn „sie“ sich nicht entschuldigt, nicht klein macht, nicht leise spricht, sondern eine Stimme von Gewicht hat.

Margarete Lamb-Faffelberger: Das Dilemma der Avantgarde

Margarete Lamb-Faffelberger, Professorin am Lafayette College (USA), beschäftigt sich in ihrer Publikation Valie Export und Elfriede Jelinek im Spiegel der Presse. Zur Rezeption der feministischen Avantgarde Österreichs (1992) mit der österreichischen Rezeption von VALIE EXPORTs und Elfriede Jelineks Werken:

Die feministisch-politische Gesellschaftskritik, die in Valie Exports Körper-Bildern ihren Ausdruck findet, werden durch die Sprach-Bilder der Schriftstellerin Elfriede Jelinek komplementiert. In Romanen, Theaterstücken und Hörspielen beschäftigt sie sich gleichfalls mit der Situation der Frau im heutigen Österreich. Für Elfriede Jelinek bedeutet die engagierte Auseinandersetzung mit den feministischen Anliegen jedoch dann eine gefährliche Verkürzung der Wahrnehmungsfähigkeit, wenn die ökonomischen Zusammenhänge in den gegenwärtigen Herrschaftsverhältnissen und -strukturen unberücksichtigt bleiben, wobei es ihr in ihrem schriftstellerischen Auftrag „immer noch (um) die Differenz zwischen Bewußtsein als Theorie und konkreter Aktion der Veränderung“ zu gehen scheint.1) Für ihren engagierten Feminismus wird die Umgangssprache der Massen zum Material: die Sprache wird in ihre Teilelemente zerlegt, um ihre tiefenstrukturelle Bedeutung zu entblößen. Durch ihren ästhetischen Stil der Montage bzw. Sprach-Collage kreiert Elfriede Jelinek einen neuen Sinnzusammenhang. Sie sucht „den Gegenstand in seiner Sprache auf und vertraut sich … dieser Sprache und ihren Automatismen an, bis sie heraus- und in eine andere Sprache hineintritt.“ Es gelingt ihr dadurch, eine scharfe Gesellschaftskritik als „brillante(n) Medien- und Sprachkritik“ zu formulieren.2) Elfriede Jelinek und Valie Export bedienen sich einer individuell geprägten anagrammatischen Ästhetik3) von hoher Qualität, deren dekonstruktive Elemente der Kunst-Kritik immer wieder größte Schwierigkeiten bereiteten. Ihr politisches Engagement und ihre ästhetischen Innovationen stießen zumeist in Österreich auf Intoleranz. Bei Jaqueline Vansant heißt es dazu: „Women’s concerns may not necessarily get bad press, but feminists, ‚libbers‘ (Emanzen) as they are called by the press, are constantly being dismissed as witches and manhaters“ (Vansant 35). Für die Presse gewannen beide Künstlerinnen durch den Ruf der skandalösen Kontroversen um ihre Arbeiten ursprünglich an Bedeutung. Dadurch erhielten sie an publizistischem Wert, weil das Interesse des Publikums gesichert war. Kunstkritische Rezensionsbeiträge wurden jedoch häufig von einem sensationslüsternen Zeitungsjournalismus verdrängt, der nur zu oft von einer subjektiven, emotionsgeladenen und von extremer Negativität getragenen Urteilssprechung bestimmt war. Die Rhetorik der journalistischen Äußerungen spottete mitunter jeder Kritik.4) Der teilweise sehr aggressive, bösartige Tonfall schürte das Feuer der öffentlichen Hetze gegen die beiden Künstlerinnen. Auf die Wahrung der Distanz zwischen Werk und Künstlerin wurde dabei wenig geachtet. Doch auch eine negative Medienpräsenz hebt den Bekanntheitsgrad.

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