EXPORT, Jelinek, Neuwirth: Die Künstlerin in der Gesellschaft

In ihrer Rede zur Eröffnung des Steirischen Herbst 2003 Alles ist möglich und tout est mort geht Neuwirth auf die Situation von Frauen und Künstlerinnen in Österreich ein:
Als Künstlerin und speziell als Vertreterin einer Kunstsparte, in der man von Anderen, von Ausführenden abhängig ist, kenne ich eine weitere Randsituation. Ich weiß, Sie denken nun, das ist ein Klischee. Meiner Meinung nach aber, hat sich im Verhalten Künstlerinnen gegenüber noch nicht viel geändert, speziell in Österreich. Abgesehen davon, daß man nach neuesten Studien weiß, daß Frauen schamloserweise immer noch um 40% weniger Bruttoeinkommen beziehen als Männer, herrscht in unserem Bereich weiterhin der unausrottbare Glaube, Genie sei männlich. Hinter unserem weiblichen Rücken wird daran festgehalten, daß Komponieren für Frauen eher ein unvorhergesehener geistiger Unfall sei, und daraus folgt, daß weibliche schöpferische Arbeit in der Musikwelt weiterhin nicht wirklich ernst genommen und die Frau im allgemeinen zu grossen [sic] Kunstschöpfungen nicht für fähig gehalten wird. Zitat eines mächtigen Musikveranstalters: „Wenn aus Ihnen nichts wird, können Sie noch immer heiraten und Kinder kriegen.“
aus: Olga Neuwirth: Alles ist möglich und tout est mort. http://www.olganeuwirth.com/fset1.html (13.3.2012) (=Olga Neuwirths Homepage)

Jelinek beteiligt sich mit ihrem Essay Rund, handlich, einfach zum Reinbeißen – so will man hierzulande Mozart an der kulturpolitischen Diskussion über die Situation von KünstlerInnen in Österreich. Sie geht dabei vor allem auf die prekäre finanzielle Lage von KünstlerInnen am Beispiel von Olga Neuwirth ein:
Die Komponistin kann nicht Opern zu schreiben beginnen, bevor sie eine feste Zusage (und natürlich einen Vorschuß) für ihre Arbeit hat. Wir sind hier nämlich nicht in La Bohème, in die die Opernbesucher strömen, vor allem, wenn ihre Lieblingsstars singen, wir sind hier leider im richtigen Leben, in dem sich Frauen große Werke am besten verkneifen (abschminken ist wahrscheinlich das passendere Wort) sollten.
aus: Elfriede Jelinek: Rund, handlich, einfach zum Reinbeißen – so will man hierzulande Mozart. In: Die Presse, 1.12.1995.

In einem Interview mit Felicitas Herrschaft, das 2012 im Internet veröffentlicht wurde, spricht VALIE EXPORT unter anderem über ihre Rezeption als Medienkünstlerin in Österreich:
VALIE EXPORT: Man muss schon sagen von Österreich weg aus dem österreichischen Kunstkontext heraus, international zu agieren, das braucht eine wahnsinnig große Anstrengungen [sic], weil einerseits in der damaligen Zeit die österreichische Kultur sich ja sowieso nicht um diese Arbeiten gekümmert hat, wenn man nur an die Siebziger Jahre denkt, wenn man das gesagt hat, ich bin Medienkünstlerin, dann hat jeder durchschnittliche Kulturmensch nur gelacht, weil er gar nicht wusste, was das überhaupt sein kann oder ist, weil man nur die traditionellen Kunstformen beachtet hat. Das war schon in Österreich bitter, weil die Arbeiten halt einfach negiert wurden. […] Also man konnte sich ja kaum Diskussionen stellen, weil die Arbeiten einfach negiert wurden. Ich bin dann aber schon sehr früh ins Ausland gegangen und hab dann natürlich meine Kontakte gehabt und meine Auseinandersetzungen, meine Filmvorführungen, meine Auftritte in den Siebziger Jahren. Ich war in London, in Amsterdam und in Brüssel, aber in Österreich war das eben ganz schwierig. Also es war schon in Österreich sehr schwer in dieser Zeit und dann noch von anderen Kuratoren außerhalb Österreichs, da wurde sich ja nicht viel damit beschäftigt. Man hätte eine unheimliche Aufbauarbeit leisten müssen und es hat ja viel weniger Galerien gegeben und die Museen haben trotzdem auch nur ihre traditionellen Ausstellungen gemacht, also es war ein schweres Brot.
aus: VALIE EXPORT / Felicitas Herrschaft: Gespräch mit Valie Export, April 2004. http://www.fehe.org/index.php?id=572 (13.3.2012)

Der Artikel Leben als Alien, der 2002 in der Zeitschrift EMMA erschienen ist, widmet sich Olga Neuwirths Werk und ihrem politischen Engagement. In Bezug auf ihre Situation als Komponistin im männlich dominierten Musikbetrieb wird Neuwirth zitiert:
Bei jedem neuen Auftrag wird mir wieder dieses Misstrauen und diese Angst entgegengebracht, dass ein neues Stück vielleicht peinlich wird oder ein Skandal – und das ist auf Dauer ein bisschen anstrengend und zermürbend. […] Jeder Komponist erlebt Höhen und Tiefen. Aber ich glaube, ich als Frau kann mir keinen Ausrutscher leisten. Dann wär’s aus.
aus: Olga Neuwirth / Wibke Bantelmann: Leben als Alien. http://www.emma.de/hefte/ausgaben-2002/septemberoktober-2002/olga-neuwirth/ (13.3.2012)

In einem Interview mit Andrea Schurian, das 2010 aus Anlass von EXPORTs 70. Geburtstag in der Tageszeitung Der Standard erschienen ist, spricht VALIE EXPORT unter anderem über ihre frühen Arbeiten, Kunst von Frauen und ihren Künstlernamen sowie über die Unterschiede in der Wahrnehmung ihrer Werke in Österreich und im Ausland.
VALIE EXPORT: Land-Art, Performances, Installationen, Expanded Cinema: Das waren damals völlig unbekannte Begriffe hierzulande. International gab es das natürlich bereits alles. Aber in Österreich gab es darüber null Reflexion. Außerdem habe ich mit Medien gearbeitet, die damals als nichtkünstlerisch gegolten und eine neue, eine performative Ästhetik erzeugt haben. Das konnte hier niemand einordnen. Und drittens war ich eine Frau mit einem dezidiert feministischen Standpunkt. Das hat die Rezeption in Österreich mehr oder minder unmöglich gemacht. Ich konnte meine Arbeiten zwar ziemlich schnell im Ausland zeigen. Aber der Satz, man müsse sich zuerst im Ausland bewähren, um in der Heimat anerkannt zu werden: den finde ich eine ziemliche Zumutung.
aus: VALIE EXPORT / Andrea Schurian: „Hinausgehen aus dem sicheren Hafen“. In: Der Standard, 15./16.05.2010.

In dem Interview Ernste Musik und Ende mit Reinhold Schulz 2001 spricht Olga Neuwirth über das Misstrauen, das ihr als Frau im Musikbetrieb entgegengebracht wird:
Olga Neuwirth: Aber lange Zeit war ich einfach der Kasperl in der „Szene“. Man glaubte nicht, dass ich das so wollte. Auch, dass man das einer Frau nicht zutraut. Immer sucht man nach neuen Genies – und dies bezieht sich immer auf männliche. Der Musikbetrieb ist einer der letzten, der absolut männlich bestimmt ist. Als Frau muss ich immer wieder aufs Neue beweisen, dass ich etwas kann.
aus: Olga Neuwirth / Reinhold Schulz: Ernste Musik und Ende [2001]. In: Drees, Stefan (Hg.): Olga Neuwirth zwischen den Stuehlen. Salzburg: Verlag Anton Pustet 2008, S. 148-153, S. 152.

In dem Interview Wir sind beide Vampire, das Jelinek und Neuwirth aus Anlass des Schwerpunkts Dichterin zu Gast ’98. Elfriede Jelinek bei den Salzburger Festspielen 1998 der Zeitschrift profil gaben, sprechen die beiden Künstlerinnen über den Stellenwert von zeitgenössischer Literatur und Musik bei den Salzburger Festspielen, ihre erste Begegnung beim 2. Jugendmusikfest Deutschlandsberg und über künstlerisch tätige Frauen in männlich dominierten Kunstbereichen ein:
Jelinek: Ja, wir sind beide Vampire. Vielleicht ist das Vampirische, das Aussaugen, die Methode, sich von überall das zu holen, was man brauchen kann, charakteristisch für weibliche Kunst.
Neuwirth: Transylvanien ist für mich auch ein Symbol für einen Ort, an dem man nicht so angreifbar ist, wo man nicht sofort in eine Schublade gesteckt werden kann.
Jelinek: Das ist für die weibliche Künstlerexistenz überhaupt paradigmatisch. Künsterlinnen sind nie ganz da und nie ganz weg, sie tauchen immer wieder auf. Vielleicht ist die Kunst von Frauen deshalb auch subversiver als die Kunst von Männern. Der Bereich der Frauen ist das Unterlaufen von Normen. Das liegt auch am Freiraum, den uns Männer unbewußt einräumen. Wenn einem nichts zugetraut wird, kann man auch alles machen.
aus: Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth im Gespräch mit der Zeitschrift profil : Wir sind beide Vampire. In: profil, 3.8.1998.

In dem Essay Weiberleiber, der 1988 in der Zeitschrift Neues Forum erschienen ist und ursprünglich den Titel Die Frau und das Reale: Das verdrängte Soziale trug, beschäftigt sich EXPORT mit der Kunst als einem männlich geprägten Bereich, den sich Frauen subversiv aneignen müssen, um sich selbst repräsentieren zu können:
Die Frau muß also die Kultur transformieren, wenn nicht sogar transgredieren, weil sie in der real existierenden, von Männern konstruierten Kultur in der Tat keinen Ort hat. Nur in der Kultur-Überschreitung, in der Kultur-Transgression kann die Frau zu sich kommen und Kunst bzw. ihr eigenes Bild produzieren.
aus: VALIE EXPORT: Weiberleiber. Zit. n.: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hg.): VALIE EXPORT. Mediale Anagramme. Berlin: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst 2003, S. 202-205, S. 205.

In ihrer Rede Sich vom Raum eine Spalte abschneiden zur Eröffnung der Retrospektive VALIE EXPORT Split:Reality im Museum Moderner Kunst (20er Haus) in Wien am 24. April 1997 geht Jelinek nicht nur auf VALIE EXPORTs Arbeiten, sondern auch auf die Kunst von Frauen im Allgemeinen ein:
Aber eigentlich gehörte dieses Werk, wie überhaupt die Werke von Frauen [...] in eine Art Untergrund, eben diesen klandestinen Strom, der sich träge meist, unter der herkömmlichen Geschichtsschreibung dahin wälzt. […] Diesem Halbdunkel, in dem sich das Werk von Frauen auf der Ebene des Symbolischen aufhält, bis es, selten, für eine kurze Zeit an die Oberfläche treten darf, bevor es wieder zu verschwinden hat, werden wir dennoch immer mehr Raum widmen müssen.
aus: Elfriede Jelinek: Sich vom Raum eine Spalte abschneiden. Zu den Video-Installationen VALIE EXPORTS. http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvalie-1.htm (1.3.2012) (= Elfriede Jelineks Homepage)

In dem Essay Das Maßnehmen und die Maßnahmen, den Jelinek für die von Margarete Lamb-Faffelberger herausgegebene Festschrift zu VALIE EXPORTs 70. Geburtstag verfasste, geht Jelinek auf VALIE EXPORTs Arbeit als Werk einer Frau, die sich männlich besetztes Territorium aneignet, ein.
Die Wirklichkeit ist anders, als Sie gedacht hätten, das sagt die Künstlerin, und sie sagt es denen, die das ohnehin gewußt hätten wie denen, die davon keine Ahnung hatten, aber sie sagt es mit sich selbst, die eben sich als diese Wirklichkeit schafft, damit es keine andere mehr außerhalb geben kann. Die falsche Wirklichkeit, in der Frauen schaffen können, und zwar etwas anderes als ein Kind, die Wirklichkeit, die es nicht gibt, die entsteht da plötzlich durch die Kunst einer Frau.
aus: Elfriede Jelinek: Das Maßnehmen und die Maßnahmen. In: Lamb-Faffelberger,

Margarete (Hg.): Staging EXPORT: VALIE zu Ehren. New York: Peter Lang 2010, S. 7-16, S. 13-14.

Susanne Hochreiter: “Provokationen”

Susanne Hochreiter ist Universitätsassistentin am Institut für Germanistik der Universität Wien im Arbeitsbereich Neuere deutsche Literatur. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Literatur von Frauen, feministische Theorie, Gender Studies und Queer Studies. In ihrem Statement geht sie auf den Begriff der “Provokation” ein, der immer auch ein Werturteil ist:

Was an der Arbeit von VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek oder Olga Neuwirth  provoziert?
Jene, die sich provoziert fühlen, haben eine Vielzahl an Erwartungen und Vorannahmen bezüglich der Welt und der Kunst: Sie gehen davon aus, dass Kunst und Literatur das ist, was ihnen gefällt. Sie gehen davon aus, dass Künste generell „schön“ sind. Und zudem nichts mit Macht, Hierarchien, Unterdrückung und Ökonomie zu tun haben. Sie nehmen an, dass nur der Mann schöpferisch und kreativ ist und etwas überhaupt und etwas Wichtiges im Besonderen zu sagen hat. Wenn Frauen etwas sagen oder machen, dann ist das stets zweifelhaft und fragwürdig. Das denken auch Frauen, die dann ihrem Urteil durchaus trauen. Und so lesen wir in Rezensionen und Kritiken unausgesetzt von zweifelhaften Künstlerinnen und ihren fragwürdigen Werken. Elfriede Jelinek heißt dann in der chauvinistischen Anmaßung des Welturteils „unsere Radikalfeministin“ oder „Biederfrau der österreichischen Literatur“. Wenn’s gut geht, ist eine Musikerin wie Olga Neuwirth „talentiert“ oder „begabt“. Meist ist die internationale Anerkennung daran „schuld“, dass die vielfältig diffamierten feministischen Künstlerinnen überhaupt zur Kenntnis genommen werden – VALIE EXPORT hat dies ebenso erfahren.
„Provokation“ bedeutet: Herausforderung und Infragestellung von (sozialen) Normen und ist in den meisten Fällen keine ästhetische, sondern eine moralische Kategorie. „Provokation“ ist ein Werturteil jener, die sich provoziert fühlen und fast immer abwertend gebraucht.
Die Provokation liegt kaum im Werk selbst, sondern für jene, die sich provoziert fühlen, im Umstand begründet, dass eine Frau vernehmlich linke, feministische, emanzipatorische Kritik übt: In Österreich eine „Provokation“ per se. Und erst recht, wenn „sie“ sich nicht entschuldigt, nicht klein macht, nicht leise spricht, sondern eine Stimme von Gewicht hat.

Margarete Lamb-Faffelberger: Das Dilemma der Avantgarde

Margarete Lamb-Faffelberger, Professorin am Lafayette College (USA), beschäftigt sich in ihrer Publikation Valie Export und Elfriede Jelinek im Spiegel der Presse. Zur Rezeption der feministischen Avantgarde Österreichs (1992) mit der österreichischen Rezeption von VALIE EXPORTs und Elfriede Jelineks Werken:

Die feministisch-politische Gesellschaftskritik, die in Valie Exports Körper-Bildern ihren Ausdruck findet, werden durch die Sprach-Bilder der Schriftstellerin Elfriede Jelinek komplementiert. In Romanen, Theaterstücken und Hörspielen beschäftigt sie sich gleichfalls mit der Situation der Frau im heutigen Österreich. Für Elfriede Jelinek bedeutet die engagierte Auseinandersetzung mit den feministischen Anliegen jedoch dann eine gefährliche Verkürzung der Wahrnehmungsfähigkeit, wenn die ökonomischen Zusammenhänge in den gegenwärtigen Herrschaftsverhältnissen und -strukturen unberücksichtigt bleiben, wobei es ihr in ihrem schriftstellerischen Auftrag „immer noch (um) die Differenz zwischen Bewußtsein als Theorie und konkreter Aktion der Veränderung“ zu gehen scheint.1) Für ihren engagierten Feminismus wird die Umgangssprache der Massen zum Material: die Sprache wird in ihre Teilelemente zerlegt, um ihre tiefenstrukturelle Bedeutung zu entblößen. Durch ihren ästhetischen Stil der Montage bzw. Sprach-Collage kreiert Elfriede Jelinek einen neuen Sinnzusammenhang. Sie sucht „den Gegenstand in seiner Sprache auf und vertraut sich … dieser Sprache und ihren Automatismen an, bis sie heraus- und in eine andere Sprache hineintritt.“ Es gelingt ihr dadurch, eine scharfe Gesellschaftskritik als „brillante(n) Medien- und Sprachkritik“ zu formulieren.2) Elfriede Jelinek und Valie Export bedienen sich einer individuell geprägten anagrammatischen Ästhetik3) von hoher Qualität, deren dekonstruktive Elemente der Kunst-Kritik immer wieder größte Schwierigkeiten bereiteten. Ihr politisches Engagement und ihre ästhetischen Innovationen stießen zumeist in Österreich auf Intoleranz. Bei Jaqueline Vansant heißt es dazu: „Women’s concerns may not necessarily get bad press, but feminists, ‚libbers‘ (Emanzen) as they are called by the press, are constantly being dismissed as witches and manhaters“ (Vansant 35). Für die Presse gewannen beide Künstlerinnen durch den Ruf der skandalösen Kontroversen um ihre Arbeiten ursprünglich an Bedeutung. Dadurch erhielten sie an publizistischem Wert, weil das Interesse des Publikums gesichert war. Kunstkritische Rezensionsbeiträge wurden jedoch häufig von einem sensationslüsternen Zeitungsjournalismus verdrängt, der nur zu oft von einer subjektiven, emotionsgeladenen und von extremer Negativität getragenen Urteilssprechung bestimmt war. Die Rhetorik der journalistischen Äußerungen spottete mitunter jeder Kritik.4) Der teilweise sehr aggressive, bösartige Tonfall schürte das Feuer der öffentlichen Hetze gegen die beiden Künstlerinnen. Auf die Wahrung der Distanz zwischen Werk und Künstlerin wurde dabei wenig geachtet. Doch auch eine negative Medienpräsenz hebt den Bekanntheitsgrad.

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Michaela Wünsch: Stimme und Blick

Michaela Wünsch, Kulturwissenschaftlerin, beschäftigt sich in ihrem Vortrag Stimme und Blick, der im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!). VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH, der am 13.3.2012 gehalten wurde, mit der körperlichen Stimme als Unheimliches am Beispiel von  VALIE EXPORTs Performancefilm I turn over the pictures of my voice in my head, zu der Jelinek den Essay Ungeduldetes, ungeduldiges Sichverschließen (ach, Stimme!) verfasste.

Ramón Reichert: „Elfriede Jelinek. News from Home 18.8.88“ Zum intermedialen Dialog zwischen VALIE EXPORT und Elfriede Jelinek

In seinem Vortrag “Elfriede Jelinek. News from Home 18.8.88″ Zum intermedialen Dialog zwischen VALIE EXPORT und Elfriede Jelinek, der im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!) VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 15.3.2012 gehalten wurde, beschäftigt sich Ramón Reichert, Gastprofessor am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien, mit VALIE EXPORTs Video Elfriede Jelinek. News from Home 18.8.88, bei dem sie Elfriede Jelinek beim Ansehen der Zeit im Bild filmt.

Petra Unger: Wortgewalt – Bildgewalt – Tongewalt

Petra Unger, Kulturvermittlerin und Referentin für feministische Bildung und Politik, widmet sich in ihrem Videostatement dem Sprechen in den verschiedenen Kunstformen und Medien, derer sich VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth in ihren Arbeiten bedienen, und ihren subversiven Strategien, mit denen die drei Künstlerinnen der gesellschaftlichen Gewalt gegen Frauen entgegenwirken:

I turn over the pictures of my voice in my head (2008/2009)

VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek

EXPORTs Film I turn over the pictures of my voice in my head entstand aus der Performance The voice as Performance, Act and Body, die 2007 bei der 52. Biennale in Venedig zu sehen war. Der Film dauert 12 Minuten, zu sehen sind VALIE EXPORTs Stimmritzen, die sie mit einem in die Kehle eingeführten Laryngoskop filmt. Auf der Homepage der Künstlerin finden sich weiterführende Informationen zum Film:http://www.valieexport.at/?id=61&tx_ttnews[tt_news]=4107&tx_ttnews[backPid]=91
Elfriede Jelinek verfasste 2009 einen Essay zum Film. Sie veröffentlichte den Text Ungeduldetes, ungeduldiges Sichverschließen (ach, Stimme!). Zu Valie Exports Performancefilm „I turn over the pictures of my voice in my head“ 2008 auf ihrer Homepage (http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvaliest.htm). Der Text wurde von Margarete Lamb-Faffelberger ins Englische übersetzt. Die englische Version mit dem Titel The voice heads straightaway toward (Oh, Voice) wurde ebenfalls auf Jelineks Homepage veröffentlicht (http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvaliese.htm).

Jelinek setzt sich in ihrem Essay mit der Stimme und der Stimmerzeugung auseinander. Sie schreibt über die Anstrengungen der Stimmerzeugung und über das Zur-Sprache-Finden für die Frau:

Was für eine Anstrengung das Sprechen ist, noch dazu in einem Video, das ja zum Anschauen von außen her gedacht ist! In Valie Exports Video wird das Innerste nach Außen gestülpt. Das kann es nicht von allein, das muß erzwungen werden. Die Stimme muß aus einem nach außen hin zur Schau gestellten Kehlkopf kommen. Dazu wird ein Gerät verwendet. Was für eine Anstrengung, die Stimme dann herauszulassen! Die Anstrengung gilt ja meist Dingen und Geschöpfen, die nicht herausgelassen werden sollen. Wilden Tieren? Die Stimme ist das wilde Tier, das nicht nach außen dringen soll, aber hier gilt die Anstrengung dem Ausbruch. Dem Ausbrechen des Stimm-Vulkans. Diese Stimme ist nicht stumm. Diese Stimme soll mit einem Gerät zurückgehalten werden, damit sie studiert werden kann, damit die Stimmbänder bei der Arbeit beobachtet werden können, aber da erzwingt sie sich plötzlich den Ausgang in eine sich nicht öffnenwollende Offenheit! Das Außen ist doch da, bitte, Stimme, komm! Sie kann ja immer kommen, aber nur durch dieses kleine Gerät, daß die Stimm-Schamlippen entblößt, umtost von Speichel, von Säften, die das einzige Repräsentationsmittel der Frau sind, etwas Flüssiges, das man sonst kaum je zu sehen kriegt (umso neugieriger ist man drauf! Man möchte sofort hineinschauen. Bitte – können Sie haben!), durch dieses Laryngoskop bekommt die Stimme ihr Bewußtsein und kann zu wesentlichen Aussagen gelangen, indem sie sie: sagt. Der Kehlkopf ist das Hervorkommen, eigentlich das Hervorkommenlassen, ja, dazu ist er da, er läßt das heraus, was eingesperrt werden sollte, die Stimme, in einer Sprache, die jemand, irgendjemand verstehen muß, ja, muß!, sonst ist sie keine Sprache, und dann ist die Stimme zu nichts nütze, also nur heraus, Sprache! Aus dem ständigen Sichverschließen: heraus und hinaus! Das Schützende muß verlassen werden, und schon läuft es dem Schützen vor die Flinte. Man muß aus der Deckung getrieben werden, ist man Stimme, und brauchte man dazu ein Gerät, das wie die Treiber auf den Busch klopft, um die Stimme von ihrer Heimat, der Kehle, zu trennen und hinauszuscheuchen. Sie muß zu etwas gezwungen werden, diese Stimme, was sie ohndies gerne tut. Das ist die größte Anstrengung: Etwas zu tun, das erlaubt ist und doch wesenhaft von der Welt getrennt. Das bahnt sich jetzt seinen Weg, bevor es ganz weg ist.

aus: Elfriede Jelinek: Ungeduldetes, ungeduldiges Sichverschließen (ach, Stimme!). Zu Valie Exports Performancefilm „I turn over the pictures of my voice in my head“, 2008. In: http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvaliest.htm, datiert mit 22.2.2009, eingesehen am 27.7.2010 (= Elfriede Jelineks Homepage, Rubrik: Aktuelles, zur Kunst).

Petra Maria Meyer: Reibungen oder Das Widersprüchliche an sich selbst

Petra Maria Meyer, Professorin am Institut für Kunst-, Design- und Medienwissenschaften der Muthesius Kunsthochschule, beschäftigt sich in ihrem Vortrag Reibungen oder Das Widersprüchliche an sich selbst, der im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!) VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 15.3.2012 gehalten wurde, mit den intermedialen Transformationsprozessen in den Werken der Künstlerinnen am Beispiel von Elfriede Jelineks Hörspiel Für den Funk dramatisierte Ballade von drei wichtigen Männern sowie dem Personenkreis um sie herum, das Olga Neuwirth zur Oper Körperliche Veränderungen verarbeitete, sowie VALIE EXPORTs Performancefilm I turn over the pictures of my voice in my head und den dazu verfassten Essay Ungeduldetes, ungeduldiges Sichverschließen (ach, Stimme!) von Elfriede Jelinek.

glottis (2007)

VALIE EXPORT

Die 32-teilige DVD-Installation glottis entstand im Rahmen der Arbeit THE PAIN OF UTOPIA. DER SCHMERZ DER UTOPIE. Sie wurde 2007 bei der 52. Biennale in Venedig ausgestellt. Auf Monitoren sind EXPORTs Stimmritzen zu sehen, die sie mit einem Laryngoskop filmt, während sie versucht, einen selbst verfassten Text zu sprechen. Auf der Homepage von VALIE EXPORT ist ein Foto der Installation zu sehen und der Text nachzulesen: http://www.valieexport.at/de/werke/werke/?tx_ttnews[tt_news]=2237&tx_ttnews[backPid]=4&cHash=b2117de8a6

Im Gespräch mit Angelika Prawda aus Anlass der Ausstellung VALIE EXPORT. Zeit und Gegenzeit – Times and Countertime im Belvedere in Wien (2010) äußerte sich EXPORT über die Installation glottis und über die Funktion der laryngoskopischen Aufnahmen: Weiterlesen

Der Schrei (1994)

VALIE EXPORT

EXPORTs Installation Der Schrei wurde erstmals 1994 im Rahmen der Ausstellung GEWALT/Geschäfte. Eine Ausstellung zum Topos der Gewalt in der gegenwärtigen künstlerischen Auseinandersetzung der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin gezeigt.
Auf einer Videowand sind Aufnahmen von EXPORTs Stimmbändern zu sehen: Die Künstlerin filmt mit einem Laryngoskop ihre Stimmritzen, während sie versucht, einen Text zu sprechen. Aufgrund des in die Kehle eingeführten Laryngoskops sind die Worte von EXPORT nicht verständlich, sie kann nur hohe Töne produzieren. EXPORT macht mit dieser Installation die Anstrengungen sichtbar, mit denen die Stimmerzeugung verbunden ist. Weiterlesen

Elfriede Jelinek. News from Home. 18.8.88 (1988)

VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek

VALIE EXPORTs Film Elfriede Jelinek. News from Home 18.8.88 zeigt Elfriede Jelinek, die sich die Nachrichtensendung „Zeit im Bild“ ansieht und diese kommentiert.
EXPORT präsentiert Jelinek als Zuseherin, als Beobachterin des Tagesgeschehens, das bereits durch die Medien gefiltert ist. Jelinek ist jedoch nicht nur Fernsehzuseherin, sondern sie ist selbst Sprecherin, die die medial präsentierten Bilder kommentiert und durch Wiederholung einzelner Sätze Distanz erzeugt. EXPORT bringt durch ihren Film eine zusätzliche Ebene ein, der/die ZuschauerIn sieht das Tagesgeschehen in doppelt kommentierter Form: durch die Nachrichtensendung und durch die Autorin. Katharina Pewny, Professorin für Performance an der Universität Gent, befasst sich in ihrem Aufsatz IMPORT EXPORT JELINEK. Einleitende Bemerkungen zu VALIE EXPORTS „Elfriede Jelinek. News from Home. 18.8.88“ mit dem im Film erzeugten „Kommentar des Kommentars“: Weiterlesen

Weiterführende Literatur: Sekundärliteratur (in Auswahl)

Ballhausen, Thomas: Von Büchern und Bestien. Vampirismus und Lykanthropie in Leonora Carringtons „Das Fest des Lammes“ und Elfriede Jelineks „Bählamms Fest“. In: Quarber Merkur 91/92 (2000), S. 69-80.

Bartens, Daniela / Pechmann, Paul (Hg.): Elfriede Jelinek –  Die internationale Rezeption. Graz: Droschl 1997 (= Dossier extra).

Basting, Barbara: Drastische Töne. Die Komponistin Olga Neuwirth und ihre Zusammenarbeit mit Elfriede Jelinek – unerhörte masochistische Sprache. In: Elfriede Jelinek. Schreiben. Fremd bleiben. du 700 (1999), S. 22-25.

Drees, Stefan (Hg.): Olga Neuwirth. Zwischen den Stuehlen. Salzburg: Verlag Anton Pustet 2008.

Drees, Stefan: Vom Film zum Musiktheater. In: booklet zur CD Olga Neuwirth: Lost Highway. KAIROS, 2007.

Grimmer, Alexandra: Une parenté intellectuelle du premier degré – La collaboration d’Olga Neuwirth et d’Elfriede Jelinek, vue au travers des commentaires des deux artistes. In: Austriaca. Cahiers Universitaires d’Information sur l’Autriche 59 (2004), S. 171-188.

Gruber, Gerold W.: Das Zerbrechen der Sprache. Über die Literatur-Vertonungen der Wiener Komponistin Olga Neuwirth. In: wespennest 114 (1999), S. 68-77.

Gruber, Gerold W.: Leonora Carrington und Olga Neuwirth. In: Österreichische Musikzeitschrift 5 / 1999, S. 11-17.

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Weiterführende Literatur: Interviews (in Auswahl)

Baier, Christian / Neuwirth, Olga: Der Mensch bleibt eine Ratte. In: Österreichische Musikzeitschrift 5/1991, S. 236-238.

Burger-Utzer, Brigitta / Szely, Sylvia / EXPORT, VALIE: „In der Erweiterung liegt die Möglichkeit zur Veränderung“. In: Szely, Sylvia (Hg.): EXPORT LEXIKON. Chronologie der bewegten Bilder bei VALIE EXPORT. Wien: Sonderzahl 2007, S. 201-228.

Eifler, Margret / Lamb-Faffelberger, Margarete / EXPORT, VALIE: Interview mit Valie Export, am 26. April 1990. In: Lamb-Faffelberger, Margarete: Valie Export und Elfriede Jelinek im Spiegel der Presse. Zur Rezeption der feministischen Avantgarde Österreichs. New York: Lang 1992 (= Austrian culture 7), S. 167-183.

Fastner, Carsten / Neuwirth, Olga: Bin ich ein Dodel? In: Falter 24/1999.

Grissemann, Stefan / Zintzen, Christiane / Jelinek, Elfriede: „…dass dieser Film auch eine Rettung meiner Person ist“. In: Grissemann, Stefan (Hg.): Haneke / Jelinek: Die Klavierspielerin. Drehbuch, Gespräche, Essays. Wien: Sonderzahl 2001, S. 119-136.

Grünzweig, Werner / Jelinek, Elfriede: Elfriede Jelinek: „Kommunaloper“ für Deutschlandsbergs Jungend. In: Neue Zeit, 10.10.1985.

Hirschmann, Christoph / Jelinek, Elfriede: Die Nestbeschmutzerin. In: Format, 31.10.2003.

Hütter, Frido / Jelinek, Elfriede: Ich schulde so vielen so vieles. In: Kleine Zeitung, 10.10.2004.

Janke, Pia / Neuwirth, Olga: Spiel mit Formen und Bedeutungsebenen. Olga Neuwirth (Wien) im Gespräch mit Pia Janke. In: Janke, Pia (Hg.): Elfriede Jelinek: „Ich will kein Theater“. Mediale Überschreitungen. Wien: Praesens Verlag 2007, S. 410-422.

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Margarete Lamb-Faffelberger: “Export’s and Jelinek’s feminist aesthetics is an aesthetics of resistance”

Margarete Lamb-Faffelberger, Professorin am Lafayette College (USA), beschäftigt sich in ihrem Aufsatz Austria’s Feminist Avant-Garde: Valie Export’s and Elfriede Jelinek’s Aesthetic Innovations mit den Gemeinsamkeiten der ästhetischen Verfahren von VALIE EXPORT und Elfriede Jelinek:

Jelinek’s literature as well as Export´s films are directed at undermining the fundamental concepts of our thinking. Traditional premises such as logic and causality are confronted critically to make translucent the established canons and the limits of their truths. In spite of Export´s and Jelinek’s doubt that art today can be used as means for social change, their work nevertheless is directed towards social consciousness-raising.1) Thus, Export’s and Jelinek’s feminist aesthetics is an aesthetics of resistance.
Austria´s feminist avant-garde aesthetics attempts to illuminate the hidden truths shadowed within the deep structure of meaning. Export and Jelinek transform existing images by creating texts of association that chain the conscious to the unconscious – both in the act of art creation and in the reception process. The normative use of language disappears and a new form emerges by releasing meaning, images of the mind that are hidden within the semantic canons of western society.
Export and Jelinek developed a critical art of looking, a kind of seeing which resembles the camera-vision of a photographer.2) The artistic eye is quasi directed through a photographic lens onto the surface structure of society in order to elucidate social processes. When one looks through a camera lens, one sees a view restricted to a topographic segment of the whole. If one zooms in on a particular segment, that section appears enlarged. Details become recognizable. The selected segment – in ist own „blown-up“ character – can be an indication of the actual structure and the true nature of the „big picture.“ Creating their text-collages, the artists arrange and re-arrange their selected segments, segments of surface. By capturing several different enlarged segments and arranging them anew, they deconstruct the whole surface.
It is this artistic technique of deconstructing and creating anew which is subversive. The technique of dismemberment of topographic structures gained through a selective photographic viewpoint inherent in Jelinek’s literary and Export’s film texts exposes the deep-structure of signifiers – or according to Roland Barthes, the notions of myths. The process of exposure is the process of excavating the deep structure by penetrating the topography of images, of language, of meaning.

1) Johann Stangel, Das annulierte Individuum (Bern/New York: Peter Lang, 1988), 14.
2) Günther A. Höfler, „Vergrößerungsspiegel und Objektiv: Zur Fokussierung der Sexualität bei Elfriede Jelinek,“ Elfriede Jelinek, ed. Kurt Bartsch and Günter Höfler (Graz: Droschl, 1991), 157.

aus: Margarete Lamb-Faffelberger: Austria’s Feminist Avant-Garde: Valie Export’s and Elfriede Jelinek’s Aesthetic Innovations. In: Lamb-Faffelberger, Margarete (Hg.): Out from the shadows. Essays on Contemporary Austrian Women Writers and Filmmakers. Riverside: Ariadne Press 1997, S. 229-241, S. 231-232.

VALIE EXPORT, Stefanie Kaplan: Dekonstruktion der männlich geprägten Vorstellungen

VALIE EXPORT geht im Interview mit Stefanie Kaplan Kunst als Überschreitung, das in dem von Stefanie Kaplan herausgegeben Buch „Die Frau hat keinen Ort“. Elfriede Jelineks feministische Bezüge (2012) erschienen ist, auf vergleichbare thematische und ästhetische Ansätze sowie auf gemeinsame Arbeiten ein. EXPORT spricht über ihre Auseinandersetzung mit traditionellen Geschlechterrollen und über die Darstellung und Fragmentierung des weiblichen Körpers:

Stefanie Kaplan: Die Auseinandersetzung mit traditionellen Geschlechterrollen ist ein Thema, das sowohl Elfriede Jelineks Texte als auch Ihre Arbeit von Anfang an geprägt hat. Jelinek verarbeitet und bearbeitet männlich geprägtes Sprachmaterial, um die darin enthaltenen Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Ist Ihr Umgang mit traditionellen Frauenbildern, beispielsweise in den Madonnenfotos wie Geburtenmadonna oder Strickmadonna damit zu vergleichen? Ist das ein ähnliches Verfahren, nur eben auf verschiedenen Ebenen?
VALIE EXPORT:
Ja, sicherlich, aber es sind eben andere Ebenen, andere ästhetische und inhaltliche Ebenen, es sind andere mediale Ebenen, aber ist genau dasselbe Verfahren, dass ich den Kanon der männlich geprägten Vorstellungen untersuche, auseinander nehme und dekonstruiere.
Stefanie Kaplan:
Auch die Beschäftigung mit dem weiblichen Körper und die Darstellung seiner Fragmentierung findet sich in Ihren und Elfriede Jelineks Arbeiten. In Die Klavierspielerin ist das Zerschneiden des eigenen Körpers auch eine Wiederaneignung des männlich besetzten Territoriums. Trifft das auch auf Ihre Arbeit zu, bei der Sie ja häufig den eigenen Körper einsetzen?
VALIE EXPORT:
Ja, natürlich. Das Zerschneiden des eigenen Körpers, aber auch das Sichtbarmachen des eigenen Körpers. Man stellt mir auch immer wieder die Frage, warum ich bei meinen Performances nackt aufgetreten bin. Ich wollte keine Zuordnung der Kleidung, weil ich mir überlegt habe, welches System würden meine Kleider bestätigen oder darstellen, und deshalb war es der nackte Körper. Es war mir auch bewusst, dass er nicht dem Pornografischen zugeordnet werden konnte, obwohl er nackt war. Die Handlung und das, was dort passiert ist, hat so abgelenkt von einer voyeuristischen Betrachtung des nackten Körpers, dass dieses Moment ausgeschlossen war. Ich habe mit sehr vielen Leuten darüber gesprochen, auch mit Männern, und die sagten, es stimmt, es ist einem nicht mehr bewusst, dass der Körper nackt ist.

aus: VALIE EXPORT / Stefanie Kaplan: Kunst als Überschreitung. In: Kaplan, Stefanie (Hg.): „Die Frau hat keinen Ort“. Elfriede Jelineks feministische Bezüge. Wien: Praesens Verlag 2012 (= DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE 9), S. 194-205, S. 204-205.

Katharina Pewny: Gezielte De-Konstruktionen

Katharina Pewny, Professorin für Performance an der Universität Gent, befasst sich in ihrem Beitrag IMPORT EXPORT JELINEK. Einleitende Bemerkungen zu VALIE EXPORTS „Elfriede Jelinek. News from Home. 18.8.88“, der 2007 in dem von Pia Janke herausgegebenen Sammelband Elfriede Jelinek: „ICH WILL KEIN THEATER“. Mediale Überschreitungen erschienen ist, mit dem 1988 entstandenen Video Elfriede Jelinek. News from Home. 18.8.88. Pewny geht auf EXPORTs und Jelineks ästhetische Verfahrensweisen und ihre Vergleichbarkeit ein:

EXPORT, Jelinek und viele andere Künstlerinnen betreiben gezielte De-Konstruktionen von allem, was irgendwie als “natürlich weiblich” gelten könnte: “Natur bin ich, erinnere daher oft an Kunst”, sagt die Vampirin Emily (eine Reminiszenz an die Dichterin Emily Brontë) in Jelineks Theatertext Krankheit oder moderne Frauen, das ebenfalls in den späten achtziger Jahren entstanden ist.1) Beide zeigen Strukturen der symbolischen Ordnung und dementsprechend die strukturelle Unmöglichkeit der Installation einer Subjektposition von Frauen.2) Überdeutlich wird dies in VALIE EXPORTs spektakulärer Aktion Tapp- und Tastkino, als sie einen Karton vor ihre (anscheinend nackte) Brust schnallt, einen Vorhang an der gegenüberliegenden Kartonseite anbringt und Passanten auf der Straße auffordert, mit ihren Händen durch den Vorhang zu greifen – Tapp- und Tastkino. Ich zitiere EXPORT aus dem Konzeptblatt von 1968: „Damit hebt sich der Vorhang, der bisher nur für die Augen sich hob, nun endlich auch für die Hände. […] Denn solange der Bürger mit der reproduzierten Kopie sexueller Freiheit sich begnügt, erspart sich der Staat die reale sexuelle Revolution.“3) VALIE EXPORT führt das Verfahren der Dekonstruktion als gender-, medien- und staatskritisches durch. Medien- und Staatskritik sind per se verflochten, da Bilder Nationen emotional verlebendigen (siehe Benedict Anderson).

1) Jelinek, Elfriede: Krankheit oder moderne Frauen. In: Dies.: Theaterstücke. Reinbek: Rowohlt 1992 (Erstauflage 1987), S. 191-266, S. 195.
2) Eine ausführliche Darstellung und weiterführende Literatur zu den Debatten um Frauen, Feminismus und (bildende) Kunst seit den siebziger Jahren vgl.: Wagner-Kantuser, Ingrid: Interventionen. Feminismus als Methode. In: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hg.): VALIE EXPORT. Mediale Anagramme. Berlin: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst 2003, S. 163-183.
3) Aus dem Konzeptblatt für Tapp- und Tastkino (1968), ebd., S. 184.

aus: Katharina Pewny: IMPORT EXPORT JELINEK. Einleitende Bemerkungen zu VALIE EXPORTS „Elfriede Jelinek. News from Home. 18.8.88“. In: Janke, Pia (Hg.): Elfriede Jelinek: „ICH WILL KEIN THEATER“. Mediale Überschreitungen. Wien: Praesens Verlag 2007 (= DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE 3), S. 365-373, S. 368.

Gespräch: Sprechen – Macht – Gewalt

Das Gespräch Sprechen – Macht – Gewalt, das im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!). VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 22.3.2012 geführt wurde und das den Abschluss des Symposiums bildete, beschäftigt sich nochmals mit zentralen  Fragestellungen des Symposiums, die in den Vorträgen und Gesprächen thematisiert wurden, und mit den Fragen, wie VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth die Aspekte Sprechen, Macht, Gewalt in ihren Werken aufgreifen, wie diese Aspekte miteinander verbunden sind, sowie welche Funktion das Sprechen der Frau/der Künstlerin für die 3 Künstlerinnen hat. Ist es eine Form der Selbstermächtigung? Ist es ein Mittel, um männlich geprägte Normen zu unterlaufen?
Am Gespräch nahmen Sabeth Buchmann (Kunsthistorikerin und -kritikerin, Professorin für Kunstgeschichte der Moderne und Nachmoderne an der Akademie der Bildenden Künste in Wien), Stefan Drees (Musikwissenschaftler, freier Dozent und Autor) und Gerhard Scheit (freier Autor und Publizist) teil. Moderiert wurde das Gespräch von Teresa Kovacs.

Sigrid Schmid-Bortenschlager: Stimm-mächtig. Kunst von Frauen – noch immer eine Provokation?

In ihrem Vortrag Stimm-mächtig. Kunst von Frauen – noch immer eine Provokation?, der im Rahmen des Symposiums “(ach, Stimme!)” am 13.3.2012 gehalten wurde, beschäftigt sich die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Schmid-Bortenschlager mit der gesellschaftlichen Anerkennung der drei avantgardistischen Künstlerinnen.

Gerhard Scheit: Wer lacht? Inversionen der Komik und die Wiederkehr der verdrängten Gewalt bei EXPORT, Jelinek, Neuwirth

Gerhard Scheit, freier Autor und Publizist, studierte Theaterwissenschaft, Germanistik, Philosophie und Musik in Wien und Berlin. In seinem Vortrag Wer lacht? Inversionen der Komik und die Wiederkehr der verdrängten Gewalt bei EXPORT, Jelinek, Neuwirth, der im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!). VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH, der am 22.3.2012 gehalten wurde, beschäftigt er sich mit dem Lachen als subversive Strategie am Beispiel von Elfriede Jelineks Theatertext Raststätte oder Sie machens alle. Er bezieht sich dabei v.a. auf Theorien von Adorno, Bergson und Bachtin.

VALIE EXPORT: Die Macht der Sprache

VALIE EXPORT beteiligte sich im Herbst 2007 an dem internationalen interuniversitären Seminarprojekt mit dem Titel In the Present Tense: Language, Power and the Body in Contemporary Germany and Austria, das von Margarete Lamb-Faffelberger (Lafayette College) initiiert und vom Elfriede Jelinek-Forschungszentrum unterstützt wurde. Im Rahmen der Videokonferenz ging sie auch auf das Verhältnis von Sprache und männlicher Macht ein.

VALIE EXPORT – ELFRIEDE JELINEK

Jelinek über EXPORT
Jelinek geht in ihrer Rede Sich vom Raum eine Spalte abschneiden zur Eröffnung der Retrospektive VALIE EXPORT Split:Reality im Museum Moderner Kunst (20er Haus) in Wien am 24. April 1997 zunächst allgemein auf Kunst von Frauen ein, um dann über VALIE EXPORTs Arbeiten und deren Rezeption zu sprechen. Jelinek betont, dass sich EXPORT in ihrer Kunst gegen das vorhandene, männlich geprägte Gesellschafts- und Kunstsystem richtet und eine eigene Kunstsprache entwickelt hat:

Ich denke also, daß im Fall der Kunst Valie Exports sehr schön nachzuweisen ist, wie jemand, der im ständigen Widerspruch zum offiziellen Vermittlungssystem gearbeitet hat, also einer Gegenwärtigkeit, die sich selbst sagt und auch die Macht dazu hat, diesem oberirdischen System des Herkömmlichen die eigene Erfahrung aufzwingt, die eine ganz andere Sprache spricht. Und so muß jetzt plötzlich doch zugelassen werden, daß gezeigt wird, wie eine Frau etwas ausspricht, das unserer kollektiven Erfahrung besser entspricht als das meiste, das wir sonst zu hören bekommen.

aus: Elfriede Jelinek: Sich vom Raum eine Spalte abschneiden. Zu den Videoinstallationen Valie Exports. http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvalie-1.htm, datiert mit 1997, eingesehen am 24.1.2012 (= Elfriede Jelineks Homepage, Rubrik: zur Kunst).

EXPORT über Jelinek
EXPORT spricht im Interview mit Stefanie Kaplan Kunst als Überschreitung, das in dem von Stefanie Kaplan herausgegeben Buch „Die Frau hat keinen Ort“. Elfriede Jelineks feministische Bezüge (2012) erscheint, über gemeinsame Arbeiten und über Jelineks Sprache:

Mich spricht die Sprache von Elfriede Jelinek sehr stark an, schon immer eigentlich, weil sie einerseits diesen feministischen und andererseits diesen revolutionären Ausdruck hat, und auch revolutionär mit der Sprache selbst umgeht, auch schon in den 70er-Jahren, nicht nur als Feministin. Man ist ja nicht nur Feministin, sondern man hat ja mehrere Persönlichkeiten.

aus: VALIE EXPORT / Stefanie Kaplan: Kunst als Überschreitung. In: Kaplan, Stefanie (Hg.): „Die Frau hat keinen Ort“. Elfriede Jelineks feministische Bezüge. Wien: Praesens Verlag 2012 (= DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE 9), S. 194-205, S. 198-200.

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Chronologie der Zusammenarbeiten

VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth verfolgen nicht nur vergleichbare thematische und ästhetische Ansätze, sondern es gab auch wiederholt gemeinsame Arbeiten sowie gegenseitige Bezugnahmen in Essays und Interviews. Die folgende Zusammenstellung gibt einen Überblick über diese Werke und Texte:

Chronologie der Zusammenarbeiten

Jenny Schrödl: Schreien – Sprechen – Schweigen. Stimmlichkeit und Weiblichkeit bei EXPORT.JELINEK.NEUWIRTH

Die Theaterwissenschaftlerin Jenny Schrödl befasst sich in ihrem Vortrag Schreien – Sprechen – Schweigen. Stimmlichkeit und Weiblichkeit bei EXPORT.JELINEK.NEUWIRTH, der im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!) VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 20.3.2012 gehalten wurde, mit dem weiblichen Schöpfertum mit und ohne Stimme, mit weiblichen Stimmen als Konstruktion, mit vokalen Grenzverwischungen zwischen den Geschlechtern und mit dem Entzug der weiblichen Stimme anhand von Olga Neuwirths und Elfriede Jelineks Film Die Schöpfung, VALIE EXPORTs Performancefilm I turn over the pictures of my voice in my head und dem dazu von Jelinek verfassten Essay Ungeduldetes, ungeduldiges Sichverschließen (ach, Stimme!) sowie Jelineks Hörspiel Für den Funk dramatisierte Ballade von drei wichtigen Männern sowie dem Personenkreis um sie herum.