Die Schöpfung (2010)

Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth

Der Film Die Schöpfung entstand für die Lange Nacht der Kirchen 2010 und wurde im Rahmen des Schwerpunktes Himmel und Haydn in der Pfarre Eisenstadt Oberberg am 28.5.2010 uraufgeführt. Der Film arbeitet mit Klang/Bild-Montagen und setzt sich ironisch mit der Genesis, aber auch mit dem Thema der weiblichen Schöpfung auseinander. Jelinek steuerte für den Film den Text Mit der Zeit… bei, der bislang nicht veröffentlicht wurde. Der Film zeigt den künstlerischen Schaffungsprozess als Schöpfungsakt. Jelinek und Neuwirth, die von Gott geschaffen wurden, werden beim Schreiben und Komponieren gezeigt. Die Künstlerinnen stehen für Wort und Musik und deren Verbindungsmöglichkeit. Am Ende wird ihr Werk von Gott zerstört, der die Frage äußert: „Das sind die Zeugungen des Himmels und der Erde?“
Komposition und Video stammen von Olga Neuwirth, Elfriede Jelinek und Erwin Steinhauer sprechen den von Jelinek verfassten Text. Der Film ist unter folgendem Link abrufbar: http://blip.tv/lillevan-/die-schoepfung-the-creation-3905054

Karin Hochradl: Stimme, Klang und intermediales Arbeiten bei Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth

Die Germanistin und Musikwissenschaftlerin Karin Hochradl befasst sich in ihrem Beitrag mit der Erzeugung und Verfremdung von Stimmen und Klängen in den intermedialen Zusammenarbeiten von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek.

Karin Hochradl: Eine Annäherung an den Einsatz von Stimme, Klang und intermedialem Arbeiten bei Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth

 

I turn over the pictures of my voice in my head (2008/2009)

VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek

EXPORTs Film I turn over the pictures of my voice in my head entstand aus der Performance The voice as Performance, Act and Body, die 2007 bei der 52. Biennale in Venedig zu sehen war. Der Film dauert 12 Minuten, zu sehen sind VALIE EXPORTs Stimmritzen, die sie mit einem in die Kehle eingeführten Laryngoskop filmt. Auf der Homepage der Künstlerin finden sich weiterführende Informationen zum Film:http://www.valieexport.at/?id=61&tx_ttnews[tt_news]=4107&tx_ttnews[backPid]=91
Elfriede Jelinek verfasste 2009 einen Essay zum Film. Sie veröffentlichte den Text Ungeduldetes, ungeduldiges Sichverschließen (ach, Stimme!). Zu Valie Exports Performancefilm „I turn over the pictures of my voice in my head“ 2008 auf ihrer Homepage (http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvaliest.htm). Der Text wurde von Margarete Lamb-Faffelberger ins Englische übersetzt. Die englische Version mit dem Titel The voice heads straightaway toward (Oh, Voice) wurde ebenfalls auf Jelineks Homepage veröffentlicht (http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvaliese.htm).

Jelinek setzt sich in ihrem Essay mit der Stimme und der Stimmerzeugung auseinander. Sie schreibt über die Anstrengungen der Stimmerzeugung und über das Zur-Sprache-Finden für die Frau:

Was für eine Anstrengung das Sprechen ist, noch dazu in einem Video, das ja zum Anschauen von außen her gedacht ist! In Valie Exports Video wird das Innerste nach Außen gestülpt. Das kann es nicht von allein, das muß erzwungen werden. Die Stimme muß aus einem nach außen hin zur Schau gestellten Kehlkopf kommen. Dazu wird ein Gerät verwendet. Was für eine Anstrengung, die Stimme dann herauszulassen! Die Anstrengung gilt ja meist Dingen und Geschöpfen, die nicht herausgelassen werden sollen. Wilden Tieren? Die Stimme ist das wilde Tier, das nicht nach außen dringen soll, aber hier gilt die Anstrengung dem Ausbruch. Dem Ausbrechen des Stimm-Vulkans. Diese Stimme ist nicht stumm. Diese Stimme soll mit einem Gerät zurückgehalten werden, damit sie studiert werden kann, damit die Stimmbänder bei der Arbeit beobachtet werden können, aber da erzwingt sie sich plötzlich den Ausgang in eine sich nicht öffnenwollende Offenheit! Das Außen ist doch da, bitte, Stimme, komm! Sie kann ja immer kommen, aber nur durch dieses kleine Gerät, daß die Stimm-Schamlippen entblößt, umtost von Speichel, von Säften, die das einzige Repräsentationsmittel der Frau sind, etwas Flüssiges, das man sonst kaum je zu sehen kriegt (umso neugieriger ist man drauf! Man möchte sofort hineinschauen. Bitte – können Sie haben!), durch dieses Laryngoskop bekommt die Stimme ihr Bewußtsein und kann zu wesentlichen Aussagen gelangen, indem sie sie: sagt. Der Kehlkopf ist das Hervorkommen, eigentlich das Hervorkommenlassen, ja, dazu ist er da, er läßt das heraus, was eingesperrt werden sollte, die Stimme, in einer Sprache, die jemand, irgendjemand verstehen muß, ja, muß!, sonst ist sie keine Sprache, und dann ist die Stimme zu nichts nütze, also nur heraus, Sprache! Aus dem ständigen Sichverschließen: heraus und hinaus! Das Schützende muß verlassen werden, und schon läuft es dem Schützen vor die Flinte. Man muß aus der Deckung getrieben werden, ist man Stimme, und brauchte man dazu ein Gerät, das wie die Treiber auf den Busch klopft, um die Stimme von ihrer Heimat, der Kehle, zu trennen und hinauszuscheuchen. Sie muß zu etwas gezwungen werden, diese Stimme, was sie ohndies gerne tut. Das ist die größte Anstrengung: Etwas zu tun, das erlaubt ist und doch wesenhaft von der Welt getrennt. Das bahnt sich jetzt seinen Weg, bevor es ganz weg ist.

aus: Elfriede Jelinek: Ungeduldetes, ungeduldiges Sichverschließen (ach, Stimme!). Zu Valie Exports Performancefilm „I turn over the pictures of my voice in my head“, 2008. In: http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvaliest.htm, datiert mit 22.2.2009, eingesehen am 27.7.2010 (= Elfriede Jelineks Homepage, Rubrik: Aktuelles, zur Kunst).

Petra Maria Meyer: Reibungen oder Das Widersprüchliche an sich selbst

Petra Maria Meyer, Professorin am Institut für Kunst-, Design- und Medienwissenschaften der Muthesius Kunsthochschule, beschäftigt sich in ihrem Vortrag Reibungen oder Das Widersprüchliche an sich selbst, der im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!) VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 15.3.2012 gehalten wurde, mit den intermedialen Transformationsprozessen in den Werken der Künstlerinnen am Beispiel von Elfriede Jelineks Hörspiel Für den Funk dramatisierte Ballade von drei wichtigen Männern sowie dem Personenkreis um sie herum, das Olga Neuwirth zur Oper Körperliche Veränderungen verarbeitete, sowie VALIE EXPORTs Performancefilm I turn over the pictures of my voice in my head und den dazu verfassten Essay Ungeduldetes, ungeduldiges Sichverschließen (ach, Stimme!) von Elfriede Jelinek.

Todesraten (1997)

Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth

Das Hörstück Todesraten ging aus Neuwirths Komposition Elfi und Andi hervor, für die Jelinek zwei Monologe verfasste. Zwei reale Fälle bilden die Grundlage der beiden Monologe: der Fall der „Schwarzen Witwe“ Elfriede Blauensteiner, die 1997 für den Mord an ihrem letzten Lebensgefährten und 2001 für den Mord an einer Nachbarin und einem früheren Lebensgefährten zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, und der Fall des Bodybuilders Andreas Münzer, der 1996 an den Folgen massiven Dopings, insbesondere durch Anabolika, starb. Jelineks Monologe wurden in weiterer Folge Teil ihres Theatertextes Ein Sportstück (1998). Mit dem Titel Todesraten wird auf Ingeborg Bachmanns Sprachspiel „Todesarten – Todesraten“ in ihrem Roman Malina Bezug genommen. Weiterlesen

Körperliche Veränderungen (1991)

Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth

Als Textgrundlage für Olga Neuwirths Oper diente Elfriede Jelineks 1974 produziertes Hörspiel Für den Funk dramatisierte Ballade von drei wichtigen Männern sowie dem Personenkreis um sie herum. Jelinek stellt darin traditionelle Rollenbilder aus, die im Verlauf des Hörspiels demontiert werden, bis schließlich Männer und Frauen ihre Stimmen und  Rollen tauschen.
Elfriede Jelinek geht in ihrem Vorspruch zum Hörspiel auf die traditionellen Geschlechterrollen ein: Weiterlesen

Elfriede Jelinek. News from Home. 18.8.88 (1988)

VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek

VALIE EXPORTs Film Elfriede Jelinek. News from Home 18.8.88 zeigt Elfriede Jelinek, die sich die Nachrichtensendung „Zeit im Bild“ ansieht und diese kommentiert.
EXPORT präsentiert Jelinek als Zuseherin, als Beobachterin des Tagesgeschehens, das bereits durch die Medien gefiltert ist. Jelinek ist jedoch nicht nur Fernsehzuseherin, sondern sie ist selbst Sprecherin, die die medial präsentierten Bilder kommentiert und durch Wiederholung einzelner Sätze Distanz erzeugt. EXPORT bringt durch ihren Film eine zusätzliche Ebene ein, der/die ZuschauerIn sieht das Tagesgeschehen in doppelt kommentierter Form: durch die Nachrichtensendung und durch die Autorin. Katharina Pewny, Professorin für Performance an der Universität Gent, befasst sich in ihrem Aufsatz IMPORT EXPORT JELINEK. Einleitende Bemerkungen zu VALIE EXPORTS „Elfriede Jelinek. News from Home. 18.8.88“ mit dem im Film erzeugten „Kommentar des Kommentars“: Weiterlesen

Robert der Teufel (1985)

Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth

Robert der Teufel entstand im Rahmen des von Hans Werner Henze geleiteten 2. Jugendmusikfestes Deutschlandsberg (steirischer herbst 1985). Die Oper wurde unter Anleitung von Gerd Kühr und Stefan Hakenberg gemeinsam mit Deutschlandsberger Jugendlichen erarbeitet, darunter auch Olga Neuwirth, die das Lied Roberts Ich hab’s satt, die Tänze von Wassermann, Scharbock und Haberngoaß und das Lied der Prinzessin Jetzt hat die Liebe mich endlich getroffen komponierte. Elfriede Jelinek verfasste das Libretto. In der Oper wird die Verbindung von Sprechen und Handeln bzw. Schweigen und Passiv-Sein thematisiert. In der Libretto-Vorlage, der steirischen Sage Robert, der Teufel, wird Robert als „überaus stark und unbändig“1) beschrieben, während die Prinzessin als stumm charakterisiert wird. Robert ist in der Sage der Handelnde, die Prinzessin beobachtet seine Handlungen aus der Ferne. Am Ende der Erzählung bricht sie ihr Schweigen aus Liebe zu Robert.
Jelinek präsentiert mit ihrem Libretto eine Lesart, die das Schweigen der Prinzessin umdeutet zur aktiven Handlung. Das Schweigen ist in der Oper kein Zeichen für Passivität, sondern es ist ein bewusster Akt, der die Prinzessin zur handlungsbestimmenden Figur macht.

1) Robert, der Teufel. In: Kainz, Walter (Hg.): Weststeirische Sagen. Graz: Verlag für Sammler 1974, S. 134-137, S. 134. Weiterlesen

VALIE EXPORT, Stefanie Kaplan: Dekonstruktion der männlich geprägten Vorstellungen

VALIE EXPORT geht im Interview mit Stefanie Kaplan Kunst als Überschreitung, das in dem von Stefanie Kaplan herausgegeben Buch „Die Frau hat keinen Ort“. Elfriede Jelineks feministische Bezüge (2012) erschienen ist, auf vergleichbare thematische und ästhetische Ansätze sowie auf gemeinsame Arbeiten ein. EXPORT spricht über ihre Auseinandersetzung mit traditionellen Geschlechterrollen und über die Darstellung und Fragmentierung des weiblichen Körpers:

Stefanie Kaplan: Die Auseinandersetzung mit traditionellen Geschlechterrollen ist ein Thema, das sowohl Elfriede Jelineks Texte als auch Ihre Arbeit von Anfang an geprägt hat. Jelinek verarbeitet und bearbeitet männlich geprägtes Sprachmaterial, um die darin enthaltenen Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Ist Ihr Umgang mit traditionellen Frauenbildern, beispielsweise in den Madonnenfotos wie Geburtenmadonna oder Strickmadonna damit zu vergleichen? Ist das ein ähnliches Verfahren, nur eben auf verschiedenen Ebenen?
VALIE EXPORT:
Ja, sicherlich, aber es sind eben andere Ebenen, andere ästhetische und inhaltliche Ebenen, es sind andere mediale Ebenen, aber ist genau dasselbe Verfahren, dass ich den Kanon der männlich geprägten Vorstellungen untersuche, auseinander nehme und dekonstruiere.
Stefanie Kaplan:
Auch die Beschäftigung mit dem weiblichen Körper und die Darstellung seiner Fragmentierung findet sich in Ihren und Elfriede Jelineks Arbeiten. In Die Klavierspielerin ist das Zerschneiden des eigenen Körpers auch eine Wiederaneignung des männlich besetzten Territoriums. Trifft das auch auf Ihre Arbeit zu, bei der Sie ja häufig den eigenen Körper einsetzen?
VALIE EXPORT:
Ja, natürlich. Das Zerschneiden des eigenen Körpers, aber auch das Sichtbarmachen des eigenen Körpers. Man stellt mir auch immer wieder die Frage, warum ich bei meinen Performances nackt aufgetreten bin. Ich wollte keine Zuordnung der Kleidung, weil ich mir überlegt habe, welches System würden meine Kleider bestätigen oder darstellen, und deshalb war es der nackte Körper. Es war mir auch bewusst, dass er nicht dem Pornografischen zugeordnet werden konnte, obwohl er nackt war. Die Handlung und das, was dort passiert ist, hat so abgelenkt von einer voyeuristischen Betrachtung des nackten Körpers, dass dieses Moment ausgeschlossen war. Ich habe mit sehr vielen Leuten darüber gesprochen, auch mit Männern, und die sagten, es stimmt, es ist einem nicht mehr bewusst, dass der Körper nackt ist.

aus: VALIE EXPORT / Stefanie Kaplan: Kunst als Überschreitung. In: Kaplan, Stefanie (Hg.): „Die Frau hat keinen Ort“. Elfriede Jelineks feministische Bezüge. Wien: Praesens Verlag 2012 (= DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE 9), S. 194-205, S. 204-205.

Pia Janke: Ironisches Aufbrechen festgefahrener Strukturen

Pia Janke, ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien und Leiterin des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums, befasst sich in ihrem Aufsatz Ver-rückte Blicke auf die Wirklichkeit. Elfriede Jelineks Texte zu Olga Neuwirths Hörstücken und Opern (2000) mit gemeinsamen Arbeiten von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth:

Die Auseinandersetzung mit Elfriede Jelinek nimmt einen ganz speziellen Stellenwert im Schaffen Olga Neuwirths ein. Ist eine größere Öffentlichkeit durch die Uraufführung von Bählamms Fest bei den Wiener Festwochen 1999 – einer Oper Neuwirths, für die Jelinek das Libretto verfasste – auf diese Auseinandersetzung aufmerksam geworden, so ist immer noch wenig bekannt, dass bereits davor mehrere Kompositionen Neuwirths entstanden sind, die auf Texten von Elfriede Jelinek beruhen. Auch die Jelinek-Forschung weiß von diesen Werken kaum etwas – von Werken, denen immerhin Texte wie Raststätte oder Ein Sportstück zugrunde liegen. Ist es mittlerweile zu einem Stereotyp der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Elfriede Jelinek geworden, die quasi-musikalischen Verfahren ihrer Texte hervorzuheben, die „kontrapunktisch“ organisierten Gewebe ideologiehaltiger Sprachpartikel als Sprechpartituren zu klassifizieren, so fehlt bis jetzt jegliche Untersuchung nicht nur des Umgangs der Komponistin Olga Neuwirth mit diesen Texten, sondern auch der spezifischen Übereinstimmungen und Differenzen der ästhetischen Verfahren der beiden Künstlerinnen. Olga Neuwirth selbst hat wiederholt auf Analogien vor allem im Umgang mit dem vorgegebenen Material hingewiesen, so auf Jelineks Art, „ganz anders mit der Umgangssprache umzugehen, um eine künstliche Sprache zu schaffen, oder Klischees aus der Alltagswelt zu verwenden, um sie ironisch zu verzerren und zu persiflieren.“1) Es ist also nicht nur die „Musikalität ihrer Sprache“2), die Neuwirth an Jelinek fasziniert, sondern auch das Aufgreifen von Floskeln und Schablonen, die, indem sie bearbeitet, fragmentiert, isoliert, verformt, deformiert, persifliert, ironisch verfremdet werden, ein neues, ungewohntes Assoziationspotenzial freisetzen bzw. in ihrer ideologischen Substanz zur Kenntlichkeit entstellt werden. Im ironischen Aufbrechen festgefahrener Strukturen besteht eine wesentliche Übereinstimmung des literarischen und des kompositorischen Anliegens von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth.

1) Reinhard Kager: „Ausgefranste Ränder, stiebende Partikelchen“. Gespräch mit Olga Neuwirth. In: Programmbuch Zeitfluß, Salzburger Festspiele 1995, S. 65.
2) „Der Mensch ist eine Ratte“. Christian Baier im Gespräch mit Olga Neuwirth. In: ÖMZ 5/1991, S. 236-238, S. 238.

aus: Pia Janke: Ver-rückte Blicke auf die Wirklichkeit. Elfriede Jelineks Texte zu Olga Neuwirths Hörstücken und Opern. In: wespennest 118 (2000), 94-102, S. 94-95.

Gespräch: Sprechen – Macht – Gewalt

Das Gespräch Sprechen – Macht – Gewalt, das im Rahmen des Symposiums (ach, Stimme!). VALIE EXPORT, ELFRIEDE JELINEK, OLGA NEUWIRTH am 22.3.2012 geführt wurde und das den Abschluss des Symposiums bildete, beschäftigt sich nochmals mit zentralen  Fragestellungen des Symposiums, die in den Vorträgen und Gesprächen thematisiert wurden, und mit den Fragen, wie VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth die Aspekte Sprechen, Macht, Gewalt in ihren Werken aufgreifen, wie diese Aspekte miteinander verbunden sind, sowie welche Funktion das Sprechen der Frau/der Künstlerin für die 3 Künstlerinnen hat. Ist es eine Form der Selbstermächtigung? Ist es ein Mittel, um männlich geprägte Normen zu unterlaufen?
Am Gespräch nahmen Sabeth Buchmann (Kunsthistorikerin und -kritikerin, Professorin für Kunstgeschichte der Moderne und Nachmoderne an der Akademie der Bildenden Künste in Wien), Stefan Drees (Musikwissenschaftler, freier Dozent und Autor) und Gerhard Scheit (freier Autor und Publizist) teil. Moderiert wurde das Gespräch von Teresa Kovacs.

ELFRIEDE JELINEK – OLGA NEUWIRTH

Neuwirth über Jelinek
Neuwirth geht in ihrem Text Über die Faszination der Texte Elfriede Jelineks für eine/n Komponistin/en und über die Schwierigkeiten einer Realisierung von Partituren mit Texten Elfriede Jelineks, der in dem von Daniela Bartens und Paul Pechmann herausgegebenen Band Elfriede Jelinek – Die internationale Rezeption (1997) erschienen ist, auf die Zusammenarbeit mit Jelinek, auf einzelne gemeinsame Arbeiten sowie auf gemeinsame thematische und ästhetische Ansätze ein und beschreibt, was sie an Jelineks Sprache fasziniert:

Was mich an Elfriede Jelineks Texten immer schon fasziniert hat, um es nur kurz anzureißen, denn ich möchte mir keinen Kommentar zu ihrer Sprache anmaßen, ist: der distanzierte Blick ohne Mitleid auf Menschen und Dinge, die Schärfe der Sprache, der entlarvende Einsatz von sprachlichen Zitaten aus der Alltagswelt sowie die ironische Kälte und der böse Blick des Satirikers, der wie ein Wissenschaftler die Umgebung beobachtet.

aus: Olga Neuwirth: Über die Faszination der Texte Elfriede Jelineks für eine/n Komponistin/en und über die Schwierigkeiten einer Realisierung von Partituren mit Texten Elfriede Jelineks. In: Bartens, Daniela / Pechmann, Paul (Hg.): Elfriede Jelinek – Die internationale Rezeption. Graz: Droschl 1997 (= Dossier extra), S. 220-224, S. 220.

Jelinek über Neuwirth
Jelinek und Neuwirth sprechen im gemeinsamen Interview „Wir sind beide Vampire“, das aus Anlass des Neuwirth-Schwerpunkts bei den Salzburger Festspielen im August 1998 in der Zeitschrift profil erschien, über die Stellung der Kunst von Frauen in der Gesellschaft. Beide betonen die schlechte Situation für Komponistinnen und reflektieren über ihre Zusammenarbeiten und ähnliche Verfahrensweisen:

profil: Ein Kritiker hat Neuwirths ironische Haltung einmal als „transsylvanisches Lächeln“ beschrieben.
Jelinek:
Ja, wir sind beide eher Vampire als Vamps. Vielleicht ist das Vampirische, das Aussaugen, die Methode, sich von überall das zu holen, was man brauchen kann, charakteristisch für weibliche Kunst.

aus: Elfriede Jelinek / Olga Neuwirth / Wolfgang Reiter: „Wir sind beide Vampire“. In: profil, 2.8.1998.

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VALIE EXPORT – ELFRIEDE JELINEK

Jelinek über EXPORT
Jelinek geht in ihrer Rede Sich vom Raum eine Spalte abschneiden zur Eröffnung der Retrospektive VALIE EXPORT Split:Reality im Museum Moderner Kunst (20er Haus) in Wien am 24. April 1997 zunächst allgemein auf Kunst von Frauen ein, um dann über VALIE EXPORTs Arbeiten und deren Rezeption zu sprechen. Jelinek betont, dass sich EXPORT in ihrer Kunst gegen das vorhandene, männlich geprägte Gesellschafts- und Kunstsystem richtet und eine eigene Kunstsprache entwickelt hat:

Ich denke also, daß im Fall der Kunst Valie Exports sehr schön nachzuweisen ist, wie jemand, der im ständigen Widerspruch zum offiziellen Vermittlungssystem gearbeitet hat, also einer Gegenwärtigkeit, die sich selbst sagt und auch die Macht dazu hat, diesem oberirdischen System des Herkömmlichen die eigene Erfahrung aufzwingt, die eine ganz andere Sprache spricht. Und so muß jetzt plötzlich doch zugelassen werden, daß gezeigt wird, wie eine Frau etwas ausspricht, das unserer kollektiven Erfahrung besser entspricht als das meiste, das wir sonst zu hören bekommen.

aus: Elfriede Jelinek: Sich vom Raum eine Spalte abschneiden. Zu den Videoinstallationen Valie Exports. http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fvalie-1.htm, datiert mit 1997, eingesehen am 24.1.2012 (= Elfriede Jelineks Homepage, Rubrik: zur Kunst).

EXPORT über Jelinek
EXPORT spricht im Interview mit Stefanie Kaplan Kunst als Überschreitung, das in dem von Stefanie Kaplan herausgegeben Buch „Die Frau hat keinen Ort“. Elfriede Jelineks feministische Bezüge (2012) erscheint, über gemeinsame Arbeiten und über Jelineks Sprache:

Mich spricht die Sprache von Elfriede Jelinek sehr stark an, schon immer eigentlich, weil sie einerseits diesen feministischen und andererseits diesen revolutionären Ausdruck hat, und auch revolutionär mit der Sprache selbst umgeht, auch schon in den 70er-Jahren, nicht nur als Feministin. Man ist ja nicht nur Feministin, sondern man hat ja mehrere Persönlichkeiten.

aus: VALIE EXPORT / Stefanie Kaplan: Kunst als Überschreitung. In: Kaplan, Stefanie (Hg.): „Die Frau hat keinen Ort“. Elfriede Jelineks feministische Bezüge. Wien: Praesens Verlag 2012 (= DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE 9), S. 194-205, S. 198-200.

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Chronologie der Zusammenarbeiten

VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth verfolgen nicht nur vergleichbare thematische und ästhetische Ansätze, sondern es gab auch wiederholt gemeinsame Arbeiten sowie gegenseitige Bezugnahmen in Essays und Interviews. Die folgende Zusammenstellung gibt einen Überblick über diese Werke und Texte:

Chronologie der Zusammenarbeiten